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Und ewig lockt das Zimmermädchen.

5. Juli 2011


Beim Durchblättern der aktuellen Juli-VOGUE stellt sich die Frage: Zufall oder Absicht, dass die deutsche VOGUE ein “Zimmermädchen”-Editorial (“Looks voller erotischer Eleganz”) zeigt, nachdem der Ex-IWF Chef Dominique Strauss-Kahn in den letzten Wochen mit Vergewaltigungsvorwürfen seitens eines New Yorker Zimmermädchens konfrontiert wurde? Und deren Zunft so die öffentliche Meinung genauso besetzte wie den Platz vor dem New Yorker Gerichtsgebäude. (Bis DSK am Wochenende vom Vorwurf freigesprochen wurde. Zumindest von diesem.)


Das ungeliebte Jahrzehnt

11. Januar 2010

2010: eine Null muss gehen.

10 Tage ist es jung, das neue Jahrzehnt. Höchste Zeit für einen Rückblick auf die vergangene Dekade. Der Spiegel titelte die 2000er jüngst noch ein „verlorenes Jahrzehnt“. Andere benennen sie der Einfachkeit halber als die Nullerjahre – eine wenig positiv besetzte Assoziation voller Nullrunden.

Ja, sicher, es war nicht alles schön in den letzten zehn Jahren. Wir hatten 9/11 und zwei daraus entstandene Kriege, die kein Ende nehmen wollen. Die EU sollte einfach nicht so recht zusammenfinden. Es gab die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte, die schlimmste Finanzkrise seit 80 Jahren, DSDS und Paris Hilton. Shit happens.

Es geschahen aber auch sehr erfreuliche Dinge: Das Internet wurde interaktiver denn je. Clint Eastwood drehte großartige Filme. Das MoMA und Obama statteten Berlin einen Besuch ab. Navigationssysteme wurden erfunden. Und es regieren immer mehr Frauen: in Sex and the City und Der Teufel trägt Prada und dann natürlich auch noch Angela und Carla.

Sushi wurde zum Nouvelle Fast Food der exquisiten Gesellschaft (der Thuna und der Salmon mussten dran glauben). Latte Macchiato und Bionade zu den In-Getränken der ewigen Müßiggänger. Bloggerinnen sind inzwischen die neuen Modeleitbilder, nicht mehr die VJanes. Die Handys wurden immer moderner – mit polyphonen Klingeltönen, Farbdisplays und MMS – und Afrika immer ausgebeuteter (Coltan). Seit 2007 ist das iPhone allen Nachahmern zum Trotz State-of-the-Art. Der Fantasy-Boom fasst die Eskapismus-Bemühungen der Reizüberfluteten zusammen. Die Klimakatastrophe interessiert (noch) herzlich wenig, wenn es doch unter den Heizpilzen so schön warm ist. Gore redet gegen die Wand. Dafür wurden die Flüge immer billiger. Die Lohas bemühen sich um eine bessere Welt und sind gleichzeitig wahnsinnig hip.

Irgendwie ein widersprüchliches Jahrzehnt. In den Neunzigern haben wir uns alle noch so prächtig amüsiert (mit Baywatch und dem Brioni-Kanzler). Dann kam der Dotcom-Crash und irgendwie schworen sich alle auf “ein neues Bewusstsein” ein ohne wirklich nachzudenken. Weiß jemand um all die guten Vorsätze, die wir hatten? Die 2000er waren so gedacht als Dekade zur Eindämmung von Malaria, als internationale Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit zugunsten der Kinder der Welt und als Dekade zur Überwindung von Gewalt. Aber aus eigener Erfahrung wissen wir gerade in diesen Tagen wie es um die Einhaltung von guten Vorsätzen bestimmt ist: schlecht!

Was die Welt hingegen wirklich beschäftigte und meine Wenigkeit im Speziellen, das zeigt eine kurze Zeitreise zurück in die letzten zehn Jahre:

2000:

Die Welt steht noch. Die Rechner leben noch. Willkommen im neuen Millenium. Der Y2K-Bug war nicht gefräßig bzw. erst zehn Jahre später bei den Bankautomaten. Dafür gab es den Dotcom-Crash und auf Billie Boy folgte George W. Ich war endlich volljährig und cruiste mit meinem Toyota Corolla nur noch selten zu den Hip Hop Events der Republik, denn ich hatte the Real Big Thing gefunden. Außerdem bezog ich die erste eigene Wohnung – mit jedem Zimmer in einem anderen Farbton und einem Kleiderschrank voller Miss Sixty.

2001:
Die Terroranschläge auf das World Trade Center lassen der Angst vor dem internationalen Terror und beim Betreten jedes Flugzeugs freien Lauf. Außerdem fürchtet sich die Welt erneut vor der Maul- und Klauenseuche. Der Krieg der USA gegen die Taliban in Afghanistan beginnt am 7. Oktober 2001. Ich werde an diesem Tag 20, zahle schon seit 10 Monaten meine H&M Divided Einkäufe mit dem Euro und leiste mir rote Extensions, die sage und schreibe zwei Wochen halten.

2002:

Der Amoklauf von Erfurt macht Michael Moores “Bowling for Columbine” auch in Deutschland zur traurigen Realität. Ein Flugzeug voller Kinder stürzt über dem Bodensee ab. Grass veröffentlicht “Im Krebsgang” und Walser “Tod eines Kritikers”. Die rotgrüne Koalition geht in die 2. Runde. Ich habe mein Abi in der Tasche und ziehe weg vom mieslaunigen Franken hinein in die Hochburg der Ausgelassenheit: Köln – eine Stadt, in der man meinen Leopardenmini nicht nur an Karneval schätzt.

2003:
Der Irakkrieg beginnt im März. Die langen Sitzungen im UN-Sicherheitsrat haben nichts geholfen. Die Irak-Resolution 1441 wurde gebilligt, auch ohne Evidenz der Waffenlager. Ansonsten heißt es: Asia all over. Die Mädels haben den Hello Kitty Wahnsinn. Man spricht bei Wohnkonzepten nur noch von “Feng Shui” und ich probiere zum ersten Mal Sushi. Mit Gurkeninlay. Außerdem ziehe ich weiter nach Düsseldorf und beginne ordentlich Geschichte und Politik zu studieren, nachdem ich bislang nicht berühmt geworden bin. Womit auch?

2004:
Der Tsunami erschüttert Weihnachten 2004 die asiatische Welt und unser Mitgefühl. Die EU erweitert sich gen Osten. George W. Bush wird tatsächlich wiedergewählt (Vetternwirtschaft in Florida). Dafür erscheint “Stupid White Man”. Die EU verbietet die Bezeichnung “light” für Zigaretten. Ich rauchte dann eben ab sofort “Gold” und trage nach langen Selbstzweifeln hinsichtlich des Oberschenkelumfangs meine erste Röhrenjeans. Alle anderen tragen die bunten Jerseyschals von American Apparel.

2005:
Wir sind Papst und unser Regierungschef ist eine Frau. Die große Koalition wird aus der Versenkung geholt. Die PDS hat sich derweil in “Die Linkspartei” umbenannt. Edmund Stoiber will erst nach Berlin und dann wieder doch nicht. Ich will definitiv nach Berlin und verbringe dort einen Sommer beim Bundesinnenministerium. Politisch korrekt gekleidet, versteht sich. Daneben entdecke ich den “Balkan Style” für mich und laufe mit einem Timoschenko-Zopf durch den Winter.

2006:

Im Nahen Osten bekriegen sich Israel und der Libanon. Saddam Hussein wird hingerichtet und jeder kann unfreiwilligerweise live daran teilhaben. Die muslimische Welt protestiert gegen die Mohammed-Karikaturen und Beck folgt auf Platzeck – Vorstandsroulette bei der SPD. Ich fange doch nicht mit dem Arbeiten an bzw. nur Teilzeit, sondern hänge noch einen Master in Politischer Kommunikation ran. Modisch gesehen tauche ich tief in das Sechziger Jahre Revival ein und suche verzweifelt nach einem Exemplar von Chanel’s “Black Satin”, um meinen Schwarz-Weiß-Wahn zu manifestieren.

2007:

Beim G8-Gipfel in Heiligendamm trinken die Regierungschefs vergnügt Bierchen. Ansonsten herrscht Katerstimmung – nur nicht bei den Demonstranten. Bayerns letzter Monarch, Edmund Stoiber, tritt zurück. Die Immobilien in den USA beginnen zu bröckeln. Das iPhone 2G entzückt die ersten Importeure. Ich verdinge mich neben dem Studium schon fünf Jahre nebenbei als Werbetexterin und habe immer noch kein anderes Berufsziel gefunden. In meiner Freizeit lese ich viel über Bradgelina und kippe mit meinen Mädels das ein oder andere Bier.

2008:

Dieses Jahr steht im Zeichen des amerikanischen Wahlkampfes: alt gegen jung, schwarz gegen weiß, konservativ gegen progressiv. Ein farbiger Senator aus Illinois entscheidet die Schlacht für sich, vor allem wegen seiner fabelhaften Internetkampagne. Blogs sprießen hierzulande nur so aus dem Boden. Auch meiner, ursprünglich noch zu Portfoliozwecken gedacht. Während eines halbjährigen Arbeitsaufenthaltes in New York City (meiner zweiten großen Liebe) blogge ich fröhlich weiter. Eigentlich nur für die Großeltern zu Hause. Doch bald lesen immer mehr mit. Mein ständiger modischer Begleiter (außer beim Wandern) sind meine Kova & T. Latexleggins.

2009:

Obama wird vereidigt und in der Bundesrepublik wird gewählt. Was dabei herauskam, wissen wir. Die Folgen des amerikanischen Bankencrash erschüttern nun auch Deutschland. Es kommt zu unzähligen Entlassungen. Die Zeitungsindustrie hat ebenfalls ein schweres Los. Und in Kopenhagen war ja dann irgendwie auch nichts los. Ein vergeudetes Jahr. Auch für mich. Aber nicht ganz. Ich bin nun also Master of Arts (Obama sei Dank), stolze Katerbesitzerin und schreibe endlich für Independent Modemagazine. Dabei geht zwar mein Herz auf, doch das Portemonée bleibt leer. Deswegen geht es weiter mit der Werbetexterei. In meinem Kleiderschrank ist bis auf einige neue gestreifte Shirts und Vintagefunde aus New York recht wenig passiert. Aber das hole ich bald nach. Ich hab da auch schon so eine Idee.

Es ist ja noch nicht aller Tage Ende.

The lost Generation

12. Oktober 2009

Auszüge aus einem Artikel der Business Week:

“For people just starting their careers, the damage may be deep and long-lasting, potentially creating a kind of “lost generation.” Studies suggest that an extended period of youthful joblessness can significantly depress lifetime income as people get stuck in jobs that are beneath their capabilities, or come to be seen by employers as damaged goods.

What’s more, the baby boom generation is counting on a productive young workforce to help fund retirement and health care. (…)

Only 46% of people aged 16-24 had jobs in September, the lowest since the government began counting in 1948. The crisis is even hitting recent college graduates. “I’ve applied for a whole lot of restaurant jobs, but even those, nobody calls me back,” says Dan Schmitz, 25, a University of Wisconsin graduate with a bachelor’s degree in English who lives in Brooklyn, N.Y. “Every morning I wake up thinking today’s going to be the day I get a job. I’ve not had a job for months, and it’s getting really frustrating. (…)

One possibility: Some U.S. states and European countries have enacted subminimum wages just for young people or people enrolled in apprenticeships. (…)

One possible example for the U.S. to follow is Germany’s apprenticeship program, which guides young people from high school into skilled blue-collar jobs. Young-adult unemployment in Germany has risen less than in most other developed countries. (???)”

Update: Annie Leibovitz

19. August 2009

Goldman Sachs will Annies Millionenkredit übernehmen, weiß Spiegel Online:
“Doch nun hat die US-Investmentbank Goldman Sachs Hilfe in Aussicht gestellt, berichtet die Finanzagentur Bloomberg. “Wir sind sehr besorgt über die jüngsten Entwicklungen zwischen Annie Leibovitz und Art Capital”, schreibt Goldman-Sprecherin Andrea Raphael in einer E-Mail, aus der die Agentur zitiert. Eigenen Angaben zufolge soll Goldman Sachs einen Teil der Millionenkredite finanziert haben, die genaue Höhe nennt die Bank aber nicht. “Wir haben Art Capital angeboten, dass wir die Kreditvereinbarung mit ihnen auflösen, um direkt mit Frau Leibovitz zusammenarbeiten zu können.”
Damit bleibt Goldman Sachs eine der wenigen Investmentbanken, die von der Krise nicht viel zu spüren bekommen haben und diesen Sommer sogar noch einen Überschuss erzielen konnten. Es heißt also wieder: money makes the world go round. Gut für Annie.

Annie Leibovitz – auch pleite?

3. August 2009

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Annie Leibovitz ist eine große Frau und wahrscheinlich die bekannteste Fotografin unserer Tage. Sie hat zuerst für den Rolling Stone die größten Rockstars fotografiert, später für die amerikanische Vanity Fair die größten Celebrities, bestückte einen Pirelli-Kalender mit ihren Werken (2000), war mit der begnadeten Autorin Susan Sontag liiert und hat erst letztes Jahr “At Work” erfolgreich herausgebracht, ein Reportageband über ihre präsentesten Aufnahmen*. Diese Erfolgsstory lässt nicht gerade vermuten, dass Miss Leibovitz Geldsorgen hätte. Ihr äußeres Erscheinungsbild leitet ebenso wenig ab, dass sie sich in teuerste Gewänder hülle. Trotzdem ist Annie Leibovitz nach Wissen der New York Times pleite und stehe kurz davor, ihr Haus im Greenwich Village verkaufen zu müssen, weil sie einen Kredit von $24 Millionen nicht zurückzahlen könne. Es heißt, die Renovierungsarbeiten an ihren beiden Häusern sprengten den finanziellen Rahmen. Annie musste nun ihre Werke verpfänden und soll außerdem die Eigentumsrechte an ihnen abgeben. Die Times besorgt: “But should she lose control of her archive, her famous portraits of Whoopi Goldberg, Jack Nicholson and the like may one day be found on postcards in Times Square.”
(* Randnotiz: den sie bei Barnes & Noble am Union Square vorstellte, wo ich zugegen sein durfte und sagen muss: durch und durch sympathisch, die Frau)