Alle Artikel mit dem Tag ‘Text’

Über die Inflation von Ballerinas

25. April 2010

Ich habe heute mal wieder Ballerinas getragen. Schließlich zeigte das Thermometer stolze 20 Grad an, weswegen weder Cowboyboots noch Flip Flop als geeignete Fußbekleidung in Frage kamen – eher irgendwas dazwischen. Und für Pumps war ich an einem Casual Sunday auf dem Fahrrad wahrlich nicht bereit. Doch anstatt das ungewohnte Lüftchen auf den Füßen wohlig aufzunehmen, machte sich ein Gefühl von Unwohlsein in mir breit, fußhochwärts.

Ich habe die letzten Sommer viel zu lange dieses Schuhwerk genossen. Und nun bin ich dem Ganzen überdrüssig. So wie ich irgendwann keine Smacks mehr sehen konnte, nachdem ich mich ein Jahr davon dauerernährt habe.

Vor fünf Jahren, es war Karneval, habe ich mir zum ersten Mal Ballerinas gekauft. Aus Lack und mit Schleifchen. Typisch Maus eben. Das war mein Kostüm. Danach kamen die Mattschwarzen ohne Schleifchen. Und die letzten zwei Jahre waren es Mattschwarze mit Nieten. Ziemlich coole Entwicklung. Doch die hat nun ein Ende.

Nicht nur, dass Ballerinas inzwischen alle Frauenfüße weltweit beherbergen, und das meist zum Ärger der Männer. Nein, die Schläppchen machen einfach auch einen schlechten Gang – so ohne Fußbett und ohne Sohle (Es grüßt der Kieselstein). Viel schlimmer: Die Frauenwelt watschelt durch die schönsten Straßen der Stadt.
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Crazy in love: Das Verhältnis PR-Blogs

12. April 2010

Wenn Elektrofirmen Produktrezensionen für vermeintlich modische Handies anfragen, Klamottenlabels ungefragt ihre neuesten Kollektionen schicken oder PR-Agenturen nach den Visits fragen als ginge es hierbei um männliche Eroberungen, sind das erste Annährungsversuche, die beim als Multiplikator auserkorenen Blog auf offene Arme bzw. gelenkte Berichte stoßen wollen. Insofern das Montoring funktioniert hat. Doch das wird oft gar nicht erst in Erwägung gezogen.
Es sei denn, es handelt sich um Einladungen für Modenschauen. Da ist Herzklopfen bei den Adressaten/-innen vorprogrammiert. Weil die Anwesenheit (vielmehr als der Bericht danach) sicherlich Indiz dafür ist, Teil eines elitären Kreises, der Mode- Oberschicht, zu sein.
Es ist schon ein schwieriges Verhältnis von Liebe und Gegenliebe. Von Zuwendung und Ablehnung. Von Angebot und Nachfrage auf beiden Seiten.   weiterlesen

Interview für FvF: Jo Groebel

15. März 2010

Ende letzter Woche habe ich mich mit einem Herrn unterhalten, der mir im Laufe meines heterogenen Medienkonsums öfters begegnet. In meinem Studium der Medienwissenschaften bin ich ihm zweimal begegnet: einmal hier und ein zweites Mal an dieser Stelle. Der Fragenkatalog folgt natürlich einem breiten Interesse an Person und Lebens-/Wohnstil, keinem akademischen Diskurs. Es folgen drei exemplarische Fragen, der Rest kann auf Freunde von Freunden nachgelesen werden.

Nachdem Sie aufgrund verschiedener Lehrstühle auch in vielen anderen Städten gelebt haben, empfinden Sie Berlin heute als Ihre Heimat?


Definitiv. Ich habe das Gefühl nach knapp 30 Jahren endlich wieder eine Heimat gefunden zu haben. Davor lebte ich wie ein Nomade. Mir gefällt die Zerrissenheit in Berlin, die einen trotz des Kaputten überall nach Vorne blicken lässt. Das weckt bei mir archetypische Erinnerungen an meine Kindheit im Rheinland der fünfziger Jahre und die Aufbruchstimmung, die man dort zu dieser Zeit wahrnehmen konnte. Es ist das Heterogene in den sozialen Strukturen und dem Stadtbild, das meiner Auffassung von Heimat entspricht. Und das habe ich hier gefunden.

Sie sind Medienberater. Wie viel Zeit verbringen Sie mit den Medien? Und gibt es bei Ihnen noch so etwas wie “medienfreie Zeit”?

Nein, ich liebe die Medien. Ich bin nicht süchtig danach, aber dennoch besessen von Medien, egal ob es sich dabei um das Internet, Bücher oder das Fernsehen handelt. Medien sind unwahrscheinlich kostbar für die Kreativität; Kunst ist ja irgendwo auch ein “Medium”. Medien im Allgemeinen erlauben, dass Menschen miteinander in Kontakt treten und dass zwischen ihnen eine Beziehung entsteht. Deshalb unterscheide ich nicht zwischen der Zeit, in der ich mich mit den Medien beschäftige und zwischen medienfreier Zeit.
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Das ungeliebte Jahrzehnt

11. Januar 2010

2010: eine Null muss gehen.

10 Tage ist es jung, das neue Jahrzehnt. Höchste Zeit für einen Rückblick auf die vergangene Dekade. Der Spiegel titelte die 2000er jüngst noch ein „verlorenes Jahrzehnt“. Andere benennen sie der Einfachkeit halber als die Nullerjahre – eine wenig positiv besetzte Assoziation voller Nullrunden.

Ja, sicher, es war nicht alles schön in den letzten zehn Jahren. Wir hatten 9/11 und zwei daraus entstandene Kriege, die kein Ende nehmen wollen. Die EU sollte einfach nicht so recht zusammenfinden. Es gab die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte, die schlimmste Finanzkrise seit 80 Jahren, DSDS und Paris Hilton. Shit happens.

Es geschahen aber auch sehr erfreuliche Dinge: Das Internet wurde interaktiver denn je. Clint Eastwood drehte großartige Filme. Das MoMA und Obama statteten Berlin einen Besuch ab. Navigationssysteme wurden erfunden. Und es regieren immer mehr Frauen: in Sex and the City und Der Teufel trägt Prada und dann natürlich auch noch Angela und Carla.

Sushi wurde zum Nouvelle Fast Food der exquisiten Gesellschaft (der Thuna und der Salmon mussten dran glauben). Latte Macchiato und Bionade zu den In-Getränken der ewigen Müßiggänger. Bloggerinnen sind inzwischen die neuen Modeleitbilder, nicht mehr die VJanes. Die Handys wurden immer moderner – mit polyphonen Klingeltönen, Farbdisplays und MMS – und Afrika immer ausgebeuteter (Coltan). Seit 2007 ist das iPhone allen Nachahmern zum Trotz State-of-the-Art. Der Fantasy-Boom fasst die Eskapismus-Bemühungen der Reizüberfluteten zusammen. Die Klimakatastrophe interessiert (noch) herzlich wenig, wenn es doch unter den Heizpilzen so schön warm ist. Gore redet gegen die Wand. Dafür wurden die Flüge immer billiger. Die Lohas bemühen sich um eine bessere Welt und sind gleichzeitig wahnsinnig hip.

Irgendwie ein widersprüchliches Jahrzehnt. In den Neunzigern haben wir uns alle noch so prächtig amüsiert (mit Baywatch und dem Brioni-Kanzler). Dann kam der Dotcom-Crash und irgendwie schworen sich alle auf “ein neues Bewusstsein” ein ohne wirklich nachzudenken. Weiß jemand um all die guten Vorsätze, die wir hatten? Die 2000er waren so gedacht als Dekade zur Eindämmung von Malaria, als internationale Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit zugunsten der Kinder der Welt und als Dekade zur Überwindung von Gewalt. Aber aus eigener Erfahrung wissen wir gerade in diesen Tagen wie es um die Einhaltung von guten Vorsätzen bestimmt ist: schlecht!

Was die Welt hingegen wirklich beschäftigte und meine Wenigkeit im Speziellen, das zeigt eine kurze Zeitreise zurück in die letzten zehn Jahre:

2000:

Die Welt steht noch. Die Rechner leben noch. Willkommen im neuen Millenium. Der Y2K-Bug war nicht gefräßig bzw. erst zehn Jahre später bei den Bankautomaten. Dafür gab es den Dotcom-Crash und auf Billie Boy folgte George W. Ich war endlich volljährig und cruiste mit meinem Toyota Corolla nur noch selten zu den Hip Hop Events der Republik, denn ich hatte the Real Big Thing gefunden. Außerdem bezog ich die erste eigene Wohnung – mit jedem Zimmer in einem anderen Farbton und einem Kleiderschrank voller Miss Sixty.

2001:
Die Terroranschläge auf das World Trade Center lassen der Angst vor dem internationalen Terror und beim Betreten jedes Flugzeugs freien Lauf. Außerdem fürchtet sich die Welt erneut vor der Maul- und Klauenseuche. Der Krieg der USA gegen die Taliban in Afghanistan beginnt am 7. Oktober 2001. Ich werde an diesem Tag 20, zahle schon seit 10 Monaten meine H&M Divided Einkäufe mit dem Euro und leiste mir rote Extensions, die sage und schreibe zwei Wochen halten.

2002:

Der Amoklauf von Erfurt macht Michael Moores “Bowling for Columbine” auch in Deutschland zur traurigen Realität. Ein Flugzeug voller Kinder stürzt über dem Bodensee ab. Grass veröffentlicht “Im Krebsgang” und Walser “Tod eines Kritikers”. Die rotgrüne Koalition geht in die 2. Runde. Ich habe mein Abi in der Tasche und ziehe weg vom mieslaunigen Franken hinein in die Hochburg der Ausgelassenheit: Köln – eine Stadt, in der man meinen Leopardenmini nicht nur an Karneval schätzt.

2003:
Der Irakkrieg beginnt im März. Die langen Sitzungen im UN-Sicherheitsrat haben nichts geholfen. Die Irak-Resolution 1441 wurde gebilligt, auch ohne Evidenz der Waffenlager. Ansonsten heißt es: Asia all over. Die Mädels haben den Hello Kitty Wahnsinn. Man spricht bei Wohnkonzepten nur noch von “Feng Shui” und ich probiere zum ersten Mal Sushi. Mit Gurkeninlay. Außerdem ziehe ich weiter nach Düsseldorf und beginne ordentlich Geschichte und Politik zu studieren, nachdem ich bislang nicht berühmt geworden bin. Womit auch?

2004:
Der Tsunami erschüttert Weihnachten 2004 die asiatische Welt und unser Mitgefühl. Die EU erweitert sich gen Osten. George W. Bush wird tatsächlich wiedergewählt (Vetternwirtschaft in Florida). Dafür erscheint “Stupid White Man”. Die EU verbietet die Bezeichnung “light” für Zigaretten. Ich rauchte dann eben ab sofort “Gold” und trage nach langen Selbstzweifeln hinsichtlich des Oberschenkelumfangs meine erste Röhrenjeans. Alle anderen tragen die bunten Jerseyschals von American Apparel.

2005:
Wir sind Papst und unser Regierungschef ist eine Frau. Die große Koalition wird aus der Versenkung geholt. Die PDS hat sich derweil in “Die Linkspartei” umbenannt. Edmund Stoiber will erst nach Berlin und dann wieder doch nicht. Ich will definitiv nach Berlin und verbringe dort einen Sommer beim Bundesinnenministerium. Politisch korrekt gekleidet, versteht sich. Daneben entdecke ich den “Balkan Style” für mich und laufe mit einem Timoschenko-Zopf durch den Winter.

2006:

Im Nahen Osten bekriegen sich Israel und der Libanon. Saddam Hussein wird hingerichtet und jeder kann unfreiwilligerweise live daran teilhaben. Die muslimische Welt protestiert gegen die Mohammed-Karikaturen und Beck folgt auf Platzeck – Vorstandsroulette bei der SPD. Ich fange doch nicht mit dem Arbeiten an bzw. nur Teilzeit, sondern hänge noch einen Master in Politischer Kommunikation ran. Modisch gesehen tauche ich tief in das Sechziger Jahre Revival ein und suche verzweifelt nach einem Exemplar von Chanel’s “Black Satin”, um meinen Schwarz-Weiß-Wahn zu manifestieren.

2007:

Beim G8-Gipfel in Heiligendamm trinken die Regierungschefs vergnügt Bierchen. Ansonsten herrscht Katerstimmung – nur nicht bei den Demonstranten. Bayerns letzter Monarch, Edmund Stoiber, tritt zurück. Die Immobilien in den USA beginnen zu bröckeln. Das iPhone 2G entzückt die ersten Importeure. Ich verdinge mich neben dem Studium schon fünf Jahre nebenbei als Werbetexterin und habe immer noch kein anderes Berufsziel gefunden. In meiner Freizeit lese ich viel über Bradgelina und kippe mit meinen Mädels das ein oder andere Bier.

2008:

Dieses Jahr steht im Zeichen des amerikanischen Wahlkampfes: alt gegen jung, schwarz gegen weiß, konservativ gegen progressiv. Ein farbiger Senator aus Illinois entscheidet die Schlacht für sich, vor allem wegen seiner fabelhaften Internetkampagne. Blogs sprießen hierzulande nur so aus dem Boden. Auch meiner, ursprünglich noch zu Portfoliozwecken gedacht. Während eines halbjährigen Arbeitsaufenthaltes in New York City (meiner zweiten großen Liebe) blogge ich fröhlich weiter. Eigentlich nur für die Großeltern zu Hause. Doch bald lesen immer mehr mit. Mein ständiger modischer Begleiter (außer beim Wandern) sind meine Kova & T. Latexleggins.

2009:

Obama wird vereidigt und in der Bundesrepublik wird gewählt. Was dabei herauskam, wissen wir. Die Folgen des amerikanischen Bankencrash erschüttern nun auch Deutschland. Es kommt zu unzähligen Entlassungen. Die Zeitungsindustrie hat ebenfalls ein schweres Los. Und in Kopenhagen war ja dann irgendwie auch nichts los. Ein vergeudetes Jahr. Auch für mich. Aber nicht ganz. Ich bin nun also Master of Arts (Obama sei Dank), stolze Katerbesitzerin und schreibe endlich für Independent Modemagazine. Dabei geht zwar mein Herz auf, doch das Portemonée bleibt leer. Deswegen geht es weiter mit der Werbetexterei. In meinem Kleiderschrank ist bis auf einige neue gestreifte Shirts und Vintagefunde aus New York recht wenig passiert. Aber das hole ich bald nach. Ich hab da auch schon so eine Idee.

Es ist ja noch nicht aller Tage Ende.

Dann eben Schweden

7. Januar 2010

Aufgrund einer schlagartigen Grippe waren und sind für die nächsten Tage Körper und Geist erstmal Schachmatt gesetzt. Sätze bilden wird da schon mal zum zerebralen Marathon. Deswegen greife ich nun ganz tief in die Ordner-Schublade und krame den Stockholm City Guide heraus. (Danke Mahret für die Erinnerung!). Der wurde zwar schon im Sommer 2009 skizziert und sollte erst mit zwei weiteren Städten auf der Bildfläche erscheinen, aber wie so oft blieb dafür keine Zeit. Nicht, dass sich ein Reise jetzt lohnen würde bei antarktischen -18 Grad Celsius, aber sonst: keine Frage!

Stockholm ist eine vorbildhafte Stadt.

1. Feinste Flora

Stockholm ist eingebettet in unzählige Hektar dichte Tannenflora und klarstes Ostseegewässer voller kleiner Inselbiotope. Die Luft zum Atmen ist frisch, die Lunge rein. CO2-Probleme scheint es hier nicht zu geben. Das bestätigt auch der WWF: Schweden ist ganz offiziell der Primus in Sachen Umweltschutzmaßnahmen– weit vor den acht großen Industrienationen.

2. Komplexes Klima
Pessimisten sagen, es sei kalt es sei kalt in Stockholm. Stimmt. Hitzköpfe haben hier im Norden keine Chance – liegt die Durchschnittstemperatur im Sommer doch bei lauen 22 Grad. Und wenn es dann wegen der Nähe zum Polarkreis die ganze Nacht graublau dämmert, tanken die Schweden tunlichst Sonnenlicht für die dunklen Wintermonate.

3. Moderne Monarchie
Die in und bei Stockholm ansässige Königsfamilie rund um Karl XVI. Gustav, der deutschen Silvia aus Heidelberg, zwei adretten blonden Töchtern und einem statthaften Prinzen machen optisch was her und sind in den Umfragen wahnsinnig beliebt. Schwedens parlamentarisch-demokratische Monarchie kommt gut an.

4. Fiskale Fürsorge

Der schwedische Wohlfahrtstaat bietet seinen Bürgern ein engmaschiges Sozialsystem. Die kommunale Kinderfürsorge ist genauso gesichert wie die Betreuung der Alten. Unterschiedliche Steuerklassen gibt es nicht. Die Mehrwertsteuer ist generell hoch (25 Prozent). Doch soll der Schwede sein Kulturinteresse pflegen und kurze Transportwege haben: Theater, Zeitungen, Bahn und Taxi gibt es für günstige sechs bzw. 12 Prozent steuerlichen Aufschlag.

5. Erziehung zur Emanzipation
Die Unabhängigkeit der Schweden hatte mit Pipi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga ihren frühen Ursprung. Später wollten sie den Euro nicht. Heute opponiert die Piratenpartei als fünftstärkste Partei im Europaparlament gegen Internetsperren und die Verurteilung der Betreiber des Torrent-Portals „The Pirate Bay“ im April 2009.

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