Alle Artikel mit dem Tag ‘Rezension’

Die Strasse als Catwalk: Fünf Fragen an Yvan Rodic

21. März 2010

Yvan Rodic, besser bekannt als der Facehunter, hat nun auch sein eigenes Bilderbuch: “Die Strasse als Catwalk” (Prestel Verlag) mit über 300 Aufnahmen aus Paris, Berlin, London und natürlich den skandinavischen Ländern, wo ein prägnantes modisches Auftreten zum Tag gehört wie eine Tasse Kaffee. Außergewöhnlich sind sie freilich die Stileigenschaften, die Rodic wohl inszeniert festhält: mit einem Gameboy oder einer Legokette um den Hals, einer Mausmaske auf dem Gesicht oder einer gestrickten Latzhose allover scheint Mann wie Frau gute Chancen zu haben, vom Franko-Schweizer abgebildet zu werden. Begleitet wird das Buch von einigen Zeilen zum Umstand bzw. der Örtlichkeit der Aufnahmen. Im Fall des London Looks: “Man kann in jedem Land Leute entdecken, die versuchen, die Londoner zu kopieren. Aber man wird niemals einen Londoner finden, der die Ästhetik einer anderen Hauptstadt nachahmt.” (S. 286) Es verwundert schließlich einmal mehr nicht, dass die meisten Bilder während der großen Modewochen, auf der Londoner Brick Lane oder in Stockholm Södermalm entstanden – sind diese Örtlichkeiten doch Garanten für exorbitante Hippness.
Natürlich stellt sich beim Betrachten des Bildbandes die Frage, ob Rodics Schaffen bzw. das der Streetstyle-Fotografen per se sowie der Online-Lookbooks in einigen Dekaden als Zeugnis der Modegeschichte der Nullerjahre seine Berechtigung erlangt haben wird. Warum eigentlich nicht? Für den Augenblick ist es bereits eine bekömmliche Dokumentation. Vor allem die Paarbildung von ähnlichen Stilen auf einer Doppelseite macht deutlich, wie schnell modische Momentaufnahmen durch die Transparenz des Internets schnell und überall Anklang und Nachahmer finden.
Rodic greift das in seinem Vorwort als “neue Kreolkultur” auf:

“Die Anhänger dieser Bewegung sind alles andere als Klone oder Globalisierungsopfer. Sie befinden sich vielmehr auf der Suche nach Webseiten wie der meinen, um sich einen internationalen Cocktail aus verschiedenen Stilrichtungen zusammenzustellen. Diese unterschiedlichen Stile werden dabei als inspirierende Anregung und nicht als Vorgaben verstanden, denen man folgen muss. (S. 7)

Fünf Fragen an Yvan Rodic im Zuge seiner Buchsignierstunde vergangene Woche in Berlin (mehr über das Event bei Les Mads) sowie seine Antworten und drei Auszüge aus “Die Strasse als Catwalk” nach:   weiterlesen

Die (Bild-)Sprache von Das weiße Band

24. Januar 2010

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Credits: IMDB

In den hiesigen Programmkinos lief “Das weiße Band” von Michael Haneke nicht sehr lange zur Prime Time. Im Ausland hat es eine Goldene Palme und einen Golden Globe kassiert und marschiert stramm gen Oscars. Das deutsche Kino ist ohne Frage mit Filmen wie “Good Bye, Lenin” und “Das Leben der Anderen”, die sich wie “Das weiße Band” mit der ruhmlosen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, schon etwas länger schwer in Mode. Quentin Tarrantino zeigte mit den “Inglorious Basterds” seine Interpretation des 2. Weltkrieges und erstmalig konnten alle Nationen darüber lachen.

Michael Haneke greift mit seinem Werk diesen Filmen gegenüber nicht nur temporär gesehen viel weiter zurück (auf die Tage vor Ausbruch des 1. Weltkrieges). Er geht auch deutlich mehr in die Tiefe und gibt damit Auskunft über die Tiefenpsychologie. Oberflächlich betrachtet war der Alltag seiner Protagonisten im bröckelnden Kaiserreich durchaus in Ordnung, ja sogar geordnet bis in die letzten Winkel des familiären Zusammenlebens. Doch hinter verschlossenen Türen geht es mehr als liebevoll zu. Haneke fordert diese Erkenntnis jedoch nicht mit totalen Einstellungen ein. (…)
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Vorschau: MODESCH 01/2010

19. Januar 2010

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“Modesch” ist ein rheinländischer Ausdruck und bedeutet so viel wie – wie soll es auch anders sein: modisch. Das ist nicht ungewöhnlich für eine Stadt, die sich nach wie vor Modehauptstadt nennt, auch wenn sie diesen Rang längst an die andere Haupstadt abgetreten hat. Ungewöhnlich ist jedoch die Herangehensweise eines neuen Magazins. Denn in MODESCH werden die sonst in den Reiseführern genannten “Must-Sees” Königsallee, Die längste Theke der Welt und der Medienhafen sowie die Werbefabriken und die Großraumdiskos außer Acht gelassen und stattdessen die wirklich kreativen Konzepte Düsseldorfs beleuchtet, von denen es oftmals heißt, dass es jene gar nicht gebe. Vielleicht, weil sie einfach nur so versteckt sind hinter all der Opulenz, dass man wirklich suchen muss bis man sie findet.

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MODESCH hat eine Menge Schätzchen gefunden in den Hinterhöfen, den Nebenstraßen und im Pornoviertel Düsseldorfs und seine Errungenschaften unter die Rubriken “Heemat” und “Modepöppke” gepackt. Erste befasst sich mit den ambitionierten Kulturschaffenden einer Stadt, die zwar ein großes Budget hat, aber dieses leider oftmals an den falschen Stellen ausgibt und dem Unbekannten nur wenig Aufmerksamkeit schenkt. Aber das ist eine alte Geschichte und in vielen Städten nicht anders. (…)   weiterlesen

Blassgrüner Nagellack

6. November 2009

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Rezension Jade Nagellack von Chanel:

Wenn ich an Jade denke, denke ich in mystischen Dimensionen. Ich denke an jahrhundertealte Tempel im fernen Asien und den Jadekaiser. Ich erinnere mich aber genauso daran, wie ich mir vor vielen Jahren von meiner Großmutter beim örtlichen Juwelier genau diesen Schmuckstein schenken ließ, weil mir der Rosenquarz zu gewöhnlich erschien. In phonetischer Hinsicht ist Jade ebenfalls reine Poesie – gibt es doch kaum einen Edelstein, der einen klangvolleren Namen besitzt und aus der gleichmäßigen Abfolge von Konsonanten und Vokalen besteht. Auch das finde ich harmonisch. Keine Frage, dass Jade und damit das sinnstiftende, zart glänzende Kolorit, das die schönsten Nuancen von Grün, Blau und Gelb in sich vereint, für Grazie und Grandezza steht. Und wie keine andere Farbe einen Modeherbst symbolisiert, der von Samt und Schimmer dominiert wird.

Schuld daran ist Karl Lagerfeld. Er schmückte seine monochrome, viktorianisch anmutende Kollektion „Belle Brumell“ für Herbst 2009 mit Jadebesetzten Ringen, Knöpfen und Ketten und einem Nagellack in – wie sollte es anders sein – ebenjener Farbe. Die entfaltete, kühl und deshalb umso verführerischer, typisch französisch eben, neben den schwarz-weißen Looks ihre Wirkung: Die Resonanz auf die von Chanel‘s Make-up Dramaturg Peter Philipps in Anlehnung an das grüne Tweedkleid entwickelte blassgrüne Farbe war ekstatisch. Deshalb ging der ursprünglich nur für die Show entwickelte Lack nach langem Gezetter in den Kosmetikaffinen Blogs endlich in Produktion und wird in limitiertem Angebot ab Ende Oktober erhältlich sein. Ich gehe grün und lasse Einwände nicht gelten. (…)

Den ganzen Artikel gibt’s auf QVEST.de

Schurken mit Schmäh: Inglorious Basterds

24. August 2009

In Tarantinos neuer Filmadaption “Inglorious Basterds” (1977 von Enzo G. Castellari gedreht) geht es um Kriegsspiele im Nazibesetzten Frankreich mit diesen drei Gruppierungen: 1. Die Titelträger, eine jüdische Partisanenkombo unter amerikanischer Führung von Aldo Rain (Brad Pitt). “Ihr Business: Nazis killen und dieses Geschäft boomt”. 2. Die Nazis selbst: Die 3. Reich Oberen Hitler (Martin Wuttke), Goebbels (Sylvester Groth) und Bormann, ein perfider SS-Scherge (August Diehl), ein Superschütze (Daniel Brühl) und der “Judenjäger”, der charismatische, multilinguale Hans Landa aus Österreich (Christoph Waltz, Preis als bester Hauptdarsteller in Cannes). Sowie 3. Eine französische Jüdin, deren Familie von Landas Männern brutal erschossen wurde, und die nun mehr zufällig die Chance bekommt, sich an den Nazis zu rächen.
Womit wir schon beim Sujet des Films wären: der Rache – und darunter lässt sich das Tarantino-übliche Aggressionspotential so treffend subsummieren: Die Nazis haben Juden getötet, auf menschenverachtende Weise und völlig grundlos. Jetzt drehen die Juden (ein Dutzend Bastarde) den Spieß um und töten die Nazis umso bestialischer; sie legen ihnen am Anschluss das Gehirn frei. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Armee gegen Guerilla. Die asymmetrische Kriegsführung hat begonnen und geht ganz klar auf Kosten der Nazis und ihres Haupthaares. Aldo Rain: “I sure as hell, didnt come down from the goddamn Smoky Mountains, cross five thousand miles of water, fight my way through half Sicily, and then jump out of a fuckin air-o-plane, to teach the Nazi’s lessons in humanity.”
Hitler flucht. Am Ende stirbt er gemeinsam mit Goebbels und Bormann im Kino, als er Mitte 1944 einem Heroenfilm über den Superschützen frönt. Und dabei spielen sich der jüdische Racheengel Shosanna (Mélanie Laurent), die Kinobetreiberin, und die Basterds so unbewusst in die Hände, dass man glaubt, sie könnten es vermasseln. Doch die Tötungsphantasien gehen auf. Die Nazis sind doppelt tot: durch die Brandstiftung der französischen Jüdin und die Gewehrsalven der amerikanischen Juden.
Tarantino interessiert sich nun mal nicht für die Geschichtsschreibung, sondern erzählt kontrafaktisch von der Vergeltung, wie sie in Deutschland zwar von einigen Tapferen geplant wurde, aber nie Erfolg hatte. “Inglorious Basterds” ist ein kluger Film und wichtiger für die (Film-)Geschichte als Tom Cruises “Valkyre” oder “Der Untergang” von Oliver Hirschbiegel. Wir Deutschen wissen schließlich nur zu gut, wie der Krieg ausging, aber wie man aus dem Stoff eine durchaus ästhetische Racheorgie macht, weiß nur der Rüpel Tarantino.
Fazit: Der Film muss in der Orginalfassung gesehen werden, denn die Dialoge schießen genauso scharf wie die Krieger. Das internationale Weltkino wird vor allem getragen von seinen deutschen Beteiligten (allen voran Waltz, Brühl und Diehl), aber auch Mélanie Laurent als Shosanna wird im Gedächtnis bleiben, und es ist mir schier unbegreiflich, warum Tarantino sich nicht mit ihr im T-Magazine gezeigt hat (statt mit Diane Kruger) – reiht sie sich doch nahtlos in die Reihe der tätlichen Tarantino-Girls ein.
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