Alle Artikel mit dem Tag ‘München’

Street Life & Home Stories

2. September 2011

Weil man in München nicht nur entspannt Bayern München-Spiele im Kreise Gleichgesinnter schauen kann (anders als hier in Berlin), sondern die Stadt bei jedem Besuch auch eine vielverprechende Ausstellung bietet, zog es mich vergangenen Samstag nach der ersten Halbzeit in “Street Life & Home Stories”. Neben der hier bereits beschriebenen Videokunst-Schau “Aschemünder” eine weitere Präsentation aus der Sammlung Goetz mit Werken von August Sander, Candida Höfer, Diane Arbus, Cindy Sherman, Hans-Peter Feldmann, Thomas Struth, Nan Goldin, Wolfgang Tillmans und vielen mehr – praktisch die Crème de la Crème der internationalen Fotoklasse. Schwerpunkt der Ausstellung ist die Straße beziehungsweise das häusliche Umfeld. Selten menschenleer wie bei “Unbewusste Orte”, Struths Straßenzügen. Oft voller eindringlicher, sozialpolitischer Momente wie in “Trona” von Tobias Zielony – eine Serie, die die zumeist von Crystal abhängigen Einwohner einer dem Niedergang geweihten ehemaligen Bergbau-Stadt in Kalifornien porträtiert. Auf der anderen Seite: die dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bilder von Diane Arbus, die abgelöst werden von denen einer Nan Goldin. Gerade diese Wechselwirkung zwischen Epochen und Bildsprache sowie die Konzentration auf nur ein einziges Medium sind Qualitätsgaranten für eine der besten Ausstellungen, die ich in vergangener Zeit gesehen habe. Schnell hin!

nur noch bis 11. September 2011:
Street Life & Home Stories
Fotografien aus der Sammlung Goetz
Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60
81675 München

Die Couture neu erfunden: Future Beauty.

2. Mai 2011

Future Beauty, Haus der Kunst, Sektion “Flächigkeit”, Rei Kawakubo

Die wenigsten haben sie wirklich getragen. Dennoch haben die Kollektionen von japanischen Designern wie Rei Kawakubo, Issey Miyake und Yohji Yamamoto (“The Big 3″) seit den 80er Jahren die Mode wie keine andere Strömung vor ihr mit ihrer dekonstruktivistischen Herangehensweise geprägt. Dabei war man sich anfangs nicht so grün, als jene Anfang der Achtziger auf der Pariser Modewoche präsentierten; man stritt parallel in Fragen des Automobil- und Elektrohandels*, was eigentlich nichts zur Sache tat. Möglicherweise waren die Pariser, als Modezentrum lange unanfechtbar, ein wenig verstört ob der Entwürfe, die die “neuen” Japaner nach Kenzo auf dem Laufsteg schickten.
Sie waren der diametrale Gegensatz zu den präzise verarbeiteten, europäischen Modellen, die sich an Farbe und Dekor gerade(zu) überboten und dabei auch – so kommt es uns heute zumindest vor – seltsame Formen an den Tag legten. Die dunklen, zerfledderten Kleider mit offenem Saum, ohne Abnäher, geschlechtsneutral, waren schon fast ein Affront an das französische und italienische Strengediktat in der Mode (England besaß mit Vivienne Westwood eine Ausnahmestellung). Die künst-lerischen Präsentationen der japanischen Offensive auf dem Laufsteg irritierten nicht minder. Bei Maison Martin Margiela und anderen belgischen Designern gehörte dieses Gesamtbild Jahre später zum guten Ton.

Future Beauty, Haus der Kunst, Rei Kawakubo 1983

Die Ästhetik in der Mode wurde so von einer japanischen Avantgarde radikal revolutioniert. Ihr zollt die Ausstellung “Future Beauty. 30 Jahre japanische Mode.” im Münchner “Haus der Kunst” immer noch Respekt. Eine wichtige Schau, in der immer größer werdenen Anzahl an Modeausstellungen. Eine, in der man Stunden verbringen könnte (tatsächlich, denn besonders voll schien sie mir an einem regnerischen Sonntag im März nicht) – bei der Umgehung der auf einer Art Laufsteg platzierten Puppen, der 360 Grad Sicht verspricht. Und so das Skulpturale der Kleidung komplett erfassen lässt.

Future Beauty, Haus der Kunst, Junya Watanabe 2000/01 für Comme des Garçons

In den meisten Fällen lassen sich die textilen Skulpturen nahtlos zusammenlegen wie einen Stapel Papier. Exemplarisch dafür ist Miyakes “132 5-Kollektion” von 2010, über die das Designstudio sagt: “Ein Stück flacher Stoff wird zu einer dreidimen-sionalen Struktur (3D). Die Struktur wird zu einer zweidimensionalen Form mit geraden Faltlinien (2D). Wenn diese Form den menschlichen Körper umhüllt, wird sie zur Kleidung (5D).” (Siehe Buch unten) Erst angezogen offenbaren sich seine Formen. Wie bei einem Origami. In seiner schönsten und – ausnahmsweise – farbenfrohsten Variante präsentiert sich die Polyester-Organdy-Serie von Comme des Garçons, gegen die ein Tutu aus dem Staatsballet als müder Versuch antänzelt.
Eine weitere Überhöhung, gleich zu Beginn der Ausstellung: Die Aufpolsterungen von Rei Kawakubo von 1997 mit einer voluminösen Betonung des Rückens, die Brust vorne flach – für ungesehene Proportionen. Designer-eigene Printprodukte, die die neue Mode vermitteln sollen, zum Beispiel das Buch “Issey Miyake – East meets West” oder “Comme des Garçons”, Rei Kawakubos Bildband mit Fotografien von u.a. Peter Lindbergh zeitgleich zu ihrem Pariser Debüt, sowie das halbjährlich erscheinende Magazin “Six” sind ebenfalls im “Haus der Kunst” einzusehen.

Future Beauty, Haus der Kunst, Rei Kawakubo 1997

“Future Beauty” widmet sich den bereits genannten Modedesignern aus Japan und jüngeren Labels wie “Anrealage” oder “Somarta” sowie massenkompatibleren Stücken aus der Jil Sander Kollektion für Uniqlo in vier Sektionen:„Lob der Schatten“ beschäftigt sich mit der Vorliebe japanischer Mode für dunkle Einfarbigkeit; „Flachheit“ konzentriert sich auf die einfachen geometrischen Formen und das Wechselspiel von Zweidimensionalität und Volumen; die Sektion „Tradition und Innovation“ widmet sich der radikalen Erneuerung der traditionellen japanischen Kleidung und textilen Techniken; „Cooles Japan“ schließlich untersucht die symbiotische Beziehung von Street Style, Populärkultur und Haute Couture.” (HdK)

Denjenigen, die es nicht schaffen, sich “Future Beauty” bis zum 19. Juni in München anzuschauen, sei der Katalog mit Cindy Sherman auf dem Titel als Überblickswerk wärmstens ans Herz gelegt (39,90 Euro, Prestel). Weil er nicht einfach nur bereits Gesehenes auf Papier bannt, sondern umfassendes Begleitmaterial bietet wie Studiofotos und Skizzen, einen Abstecher in den japanischen Streetstyle oder einem Essay von Barbara Vinken (“The Empire Designs Back”), das sich mit der Genese der Avantgarde der 80er Jahre beschäftigt. Mehr Impressionen nach dem Klick!

  weiterlesen

Aschemünder

13. April 2011

Credits: Haus der Kunst

Ein Besuch im “Haus der Kunst” lohnt sich in den kommenden Wochen nicht nur wegen der Ausstellung “Future Beauty” über japanische Mode (dazu hier bald ein Rückblick), die noch bis 19. Juni zu sehen ist. Seit vergangener Woche wird dort auch die Videokunst-Sammlung von Ingvild Goetz im Luftschutzkeller des kolossal-klassizistischen Ex-Nazigebäudes gezeigt, darunter Werke von u.a. David Claerbout, Willie Doherty, Harun Farocki und Omer Fast.
Die Sammlung bezieht fest die Kellerräume, allerdings in einem halbjährlichen, thematischen Wechsel. Die erste Ausstellung mit dem Namen “Aschemünder” reflektiert die historische Örtlichkeit, indem insbesondere Videoinstallationen im Kontext von Krieg und Gewalt zu sehen sind – jeweils in einem Einzelraum, abgeschottet von der (friedlichen) Wirklichkeit. Jedoch mit Bildern, die sich nicht so einfach ignorieren lassen wie das Coverbild der Tageszeitung. Kunst, die (sich) eben bewegt.

“Aschemünder”
Sammlung Goetz im Haus der Kunst
9. April bis 4. September 2011

Ausstellung: Pipilotti Rist in München

29. März 2010

Ich schätze die Installationen der Schweizer Videokünstlerin Elisabeth Charlotte Rist, obwohl ich sonst mit einem Gros der Videokunst, die ich unter anderem zu Düssel-dorfer Zeiten in der Kollektion der Namesvetterin aus der Heimat gesehen habe, recht wenig anfangen kann. Leider. Ich lasse mich jedoch gerne eines Besseren belehren. Noch bin ich dafür wohl nicht sensibel genug. Aber an Frau Rist mag ich das Bunte und Heitere, das mir neue Klang-Bild-Welten aufzeigt, ohne mit einer Hackbeil-Attitüde meine Synapsen zu penetrieren.   weiterlesen

Watch me at 0:25 – Langnese Kult Spot

8. März 2010

Ich habe früh angefangen, eigenes Geld zu verdienen. Ich war ein Kinderarbeiter, beflügelt von den schauspielerischen Verdiensten der Mutter und einem kleinen Taschengeld. So sprach ich nach der Schule und ohne Wissen der Eltern um die Ecke bei Tele5 vor und verdiente schon in der 1. Klasse mein Geld mit der Werbung. Lebensstation war schließlich München Schwabing – ein Ort, an dem Mitte der Achtziger alles möglich schien: The Bavarian Dream.   weiterlesen