Alle Artikel mit dem Tag ‘Ausstellung’

Street Life & Home Stories

2. September 2011

Weil man in München nicht nur entspannt Bayern München-Spiele im Kreise Gleichgesinnter schauen kann (anders als hier in Berlin), sondern die Stadt bei jedem Besuch auch eine vielverprechende Ausstellung bietet, zog es mich vergangenen Samstag nach der ersten Halbzeit in “Street Life & Home Stories”. Neben der hier bereits beschriebenen Videokunst-Schau “Aschemünder” eine weitere Präsentation aus der Sammlung Goetz mit Werken von August Sander, Candida Höfer, Diane Arbus, Cindy Sherman, Hans-Peter Feldmann, Thomas Struth, Nan Goldin, Wolfgang Tillmans und vielen mehr – praktisch die Crème de la Crème der internationalen Fotoklasse. Schwerpunkt der Ausstellung ist die Straße beziehungsweise das häusliche Umfeld. Selten menschenleer wie bei “Unbewusste Orte”, Struths Straßenzügen. Oft voller eindringlicher, sozialpolitischer Momente wie in “Trona” von Tobias Zielony – eine Serie, die die zumeist von Crystal abhängigen Einwohner einer dem Niedergang geweihten ehemaligen Bergbau-Stadt in Kalifornien porträtiert. Auf der anderen Seite: die dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bilder von Diane Arbus, die abgelöst werden von denen einer Nan Goldin. Gerade diese Wechselwirkung zwischen Epochen und Bildsprache sowie die Konzentration auf nur ein einziges Medium sind Qualitätsgaranten für eine der besten Ausstellungen, die ich in vergangener Zeit gesehen habe. Schnell hin!

nur noch bis 11. September 2011:
Street Life & Home Stories
Fotografien aus der Sammlung Goetz
Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60
81675 München

Viktor und Rolf und all die anderen

6. Juli 2011

Wer nicht vorhat, die Zeit zwischen den Schauen der Berliner Fashion Week mit Messebesuchen zu füllen oder die Zeit wie ich, auf der heimischen Couch mit einer dicken Scheibe Käsebrot zu verbringen, dem rate ich zu einem Besuch der Basic Instincts-Ausstellung in der Villa Elisabeth in der Invalidenstraße (das versteckte Haus links der Schinkel-Kirche). Auf LesMads wurde bereits hier und hier über die Schau, u.a. mit Iris van Herpen, berichtet. Deswegen möchte ich jetzt nicht mehr als auf meinen Text zu holländischem Modedesign in der wunderschön großformatigen Zeitung zur Ausstellung zu verweisen, die überall in Berlin ausliegt. PS: Natürlich empfiehlt sich Basic Instincts den Berlinern auch nach der Fashion Week. Die Ausstellung gastiert noch bis Ende Juli hier in der Haupstadt.

Ein kurzer Auszug:

Mode aus Holland: Viktor und Rolf und all die anderen

Die Indizienlage, dass Mode eine prominente Rolle in der niederländischen Designkultur innehat, ist eindeutig: zwei Modewochen ehe Berlin den Laufsteg aufbaute, unzählige Ausstellungen, reichlich renommierte Modeschulen und immer wieder nationale Finanzhilfen und internationale Auszeichnungen für holländische Jungdesigner. Aber was genau steckt hinter dem Phänomen „Dutch Fashion Design“? (…)  weiterlesen

Colonia Utopia und die smart urban stage

4. Juli 2011


Was München in den Achtziger Jahren war und was Berlin heute verkörpert, war zwischendrin – in den Neunzigern – Köln: die deutsche Großstadt, die ganz oben auf der Hipness-Liste stand. Weil Schauspieler, Musiker, Künstler und die unbestimmbare Medienmeute sich am liebsten genau da niederließ. Nicht zu vergessen: die ganze Industrie dahinter. Colonias Pulsmesser damals: die neuen Prachtbauten des Mediaparks. Genauso wie der Potsdamer Platz ein artifizieller Platz oberhalb des Rings, der ein wenig auf Midtown macht und flankiert wird vom einem noch künstlicheren See, auf dem man Bötchen fahren kann. Ansonsten kommt der Ort trotz seines Grüngürtels immer noch ziemlich grau daher. Wo einst, vor 15 Jahren, frühe Hipster und solche, die es werden wollten, über den Platz hin zu EMI, BMG und VIVA pilgerten, sieht man heute einen mäßig bekannten Jungschauspieler samt Manager bei einer Cola sitzen und einen vorbeischlendernden Ex-MTV Moderator. Mehr geht nicht. Die anderen sind schon lange weg. Was den Kölschgenuss an diesem doch recht sonnigen Fleckchen auf angenehme Weise beruhigt. Denn irgendwann zur Jahrtausendwende löste die “Bread & Butter” die “Interjeans” als Modemesse ab. VIVA und die Popkomm zogen später ebenfalls nach Berlin. Was nicht heißt, dass Köln heute kein attraktiver Wohnort mehr sei. Nein, das ist allemal – auch wenn in Sachen “Urban Lifestyle” die Domstadt gegen die Hauptstadt verlor, die in den Neunzigern vielen noch zu abgewrackt schien.

Mit dem zweiten Anlaufpunkt der “smart urban stage” hierzulande (Nach Berlin vergangenes Jahr. Ist klar.), versucht Köln den Beweis anzutreten, dass es seine Großstadt-Visionen nicht verloren hat. Heiß ist es im Zelt und verständlicherweise leer, am Montag nach dem Aufbau. Was aber auch zugenüge Platz bei der Projektsichtung verspricht: vor den Säulen mit Monitor und Erklärtext, und manchmal auch einer kleinen Vitrine. Jene Projekte sollen darauf Antwort geben, mit welchen Mitteln der städtische Alltag “umweltfreundlicher und gemeinschaftsorientierter” gestaltet werden kann (auf den Spuren des smart). In der Kategorie “Be” geschieht das mit alten Seecontainern, in denen kulturelle Aktivitäten geplant sind, bei denen Langzeitarbeitslose eingebunden werden sollen. “Jack in the Box” nennt sich dieses Projekt, das aufgrund der eingesetzten Mittel wohl noch besser in die Hansestädte passen würde, dessen gesellschaftlicher Ansatz aber gefällt, insofern so umzusetzen.


Hanky Vogue” aus der Kategorie “Create” will den Papiertaschentüchern den Gar ausmachen. Mit Taschentüchern aus Biobaumwolle, die je 450 Papiertaschentücher ersetzen sollen (wenn sie denn den Waschmaschinengang heil überleben, was ich in Anbetracht des dünnen Stoffes und der Größe noch anzweifle). Es gibt des Weiteren eine Vorhersage für Feinstaub mit einem eigenem Messfahrzeug, etwas zu “Coworking Spaces” und natürlich auch was zu “Augmented Reality”, von denen das Erste am überzeugt und letztere schon etwas gesehen wirken. Lieblingsstück, wenn auch ein rein optisches, ist das Urban Kaleidoscope, das das Panorama prägnanter städtischer Plätze reflektiert und von dem ich hiermit ein Bild nachreiche.

Wer sich die Ausstellung selbst anschauen möchte, kann dies noch bis zum 15. Juli im Mediapark Köln. Ist ja auch gerade nicht so heiß! (Links sponsored by smart)
PS: Und für danach empfehle ich, als Kontrastprogramm, die Begehung der benachbarten August Sander Sardinien-Ausstellung in der Photographischen Sammlung.

Peyton in Paris

31. Mai 2011

Vergangene Woche hat die erste Elizabeth Peyton Ausstellung in Paris eröffnet: in der Gagosian Gallery nahe der Champs Elysées. Dafür möchte ich eben meine kurze Empfehlung aussprechen. Habe mir 2009 ihre Ausstellung “Live Forever” im New Museum in New York angesehen und war ungemein angetan. Sollte ich bis Ende Juli in Paris sein, was ich nach jetzigem Stand stark bezweifle, würde ich mir deshalb auch gerne die neuen Porträts von ihren (manchmal auch prominenten) Wegbegleitern zu Gemüte führen. Eine Tatsache, die mir jetzt schon mal neu war: “Peyton lives and works in New York and Berlin”; laut der Gagosian Gallery. Ja, wer würde das nicht gern… (Bild via Gagosian Gallery)

Die Couture neu erfunden: Future Beauty.

2. Mai 2011

Future Beauty, Haus der Kunst, Sektion “Flächigkeit”, Rei Kawakubo

Die wenigsten haben sie wirklich getragen. Dennoch haben die Kollektionen von japanischen Designern wie Rei Kawakubo, Issey Miyake und Yohji Yamamoto (“The Big 3″) seit den 80er Jahren die Mode wie keine andere Strömung vor ihr mit ihrer dekonstruktivistischen Herangehensweise geprägt. Dabei war man sich anfangs nicht so grün, als jene Anfang der Achtziger auf der Pariser Modewoche präsentierten; man stritt parallel in Fragen des Automobil- und Elektrohandels*, was eigentlich nichts zur Sache tat. Möglicherweise waren die Pariser, als Modezentrum lange unanfechtbar, ein wenig verstört ob der Entwürfe, die die “neuen” Japaner nach Kenzo auf dem Laufsteg schickten.
Sie waren der diametrale Gegensatz zu den präzise verarbeiteten, europäischen Modellen, die sich an Farbe und Dekor gerade(zu) überboten und dabei auch – so kommt es uns heute zumindest vor – seltsame Formen an den Tag legten. Die dunklen, zerfledderten Kleider mit offenem Saum, ohne Abnäher, geschlechtsneutral, waren schon fast ein Affront an das französische und italienische Strengediktat in der Mode (England besaß mit Vivienne Westwood eine Ausnahmestellung). Die künst-lerischen Präsentationen der japanischen Offensive auf dem Laufsteg irritierten nicht minder. Bei Maison Martin Margiela und anderen belgischen Designern gehörte dieses Gesamtbild Jahre später zum guten Ton.

Future Beauty, Haus der Kunst, Rei Kawakubo 1983

Die Ästhetik in der Mode wurde so von einer japanischen Avantgarde radikal revolutioniert. Ihr zollt die Ausstellung “Future Beauty. 30 Jahre japanische Mode.” im Münchner “Haus der Kunst” immer noch Respekt. Eine wichtige Schau, in der immer größer werdenen Anzahl an Modeausstellungen. Eine, in der man Stunden verbringen könnte (tatsächlich, denn besonders voll schien sie mir an einem regnerischen Sonntag im März nicht) – bei der Umgehung der auf einer Art Laufsteg platzierten Puppen, der 360 Grad Sicht verspricht. Und so das Skulpturale der Kleidung komplett erfassen lässt.

Future Beauty, Haus der Kunst, Junya Watanabe 2000/01 für Comme des Garçons

In den meisten Fällen lassen sich die textilen Skulpturen nahtlos zusammenlegen wie einen Stapel Papier. Exemplarisch dafür ist Miyakes “132 5-Kollektion” von 2010, über die das Designstudio sagt: “Ein Stück flacher Stoff wird zu einer dreidimen-sionalen Struktur (3D). Die Struktur wird zu einer zweidimensionalen Form mit geraden Faltlinien (2D). Wenn diese Form den menschlichen Körper umhüllt, wird sie zur Kleidung (5D).” (Siehe Buch unten) Erst angezogen offenbaren sich seine Formen. Wie bei einem Origami. In seiner schönsten und – ausnahmsweise – farbenfrohsten Variante präsentiert sich die Polyester-Organdy-Serie von Comme des Garçons, gegen die ein Tutu aus dem Staatsballet als müder Versuch antänzelt.
Eine weitere Überhöhung, gleich zu Beginn der Ausstellung: Die Aufpolsterungen von Rei Kawakubo von 1997 mit einer voluminösen Betonung des Rückens, die Brust vorne flach – für ungesehene Proportionen. Designer-eigene Printprodukte, die die neue Mode vermitteln sollen, zum Beispiel das Buch “Issey Miyake – East meets West” oder “Comme des Garçons”, Rei Kawakubos Bildband mit Fotografien von u.a. Peter Lindbergh zeitgleich zu ihrem Pariser Debüt, sowie das halbjährlich erscheinende Magazin “Six” sind ebenfalls im “Haus der Kunst” einzusehen.

Future Beauty, Haus der Kunst, Rei Kawakubo 1997

“Future Beauty” widmet sich den bereits genannten Modedesignern aus Japan und jüngeren Labels wie “Anrealage” oder “Somarta” sowie massenkompatibleren Stücken aus der Jil Sander Kollektion für Uniqlo in vier Sektionen:„Lob der Schatten“ beschäftigt sich mit der Vorliebe japanischer Mode für dunkle Einfarbigkeit; „Flachheit“ konzentriert sich auf die einfachen geometrischen Formen und das Wechselspiel von Zweidimensionalität und Volumen; die Sektion „Tradition und Innovation“ widmet sich der radikalen Erneuerung der traditionellen japanischen Kleidung und textilen Techniken; „Cooles Japan“ schließlich untersucht die symbiotische Beziehung von Street Style, Populärkultur und Haute Couture.” (HdK)

Denjenigen, die es nicht schaffen, sich “Future Beauty” bis zum 19. Juni in München anzuschauen, sei der Katalog mit Cindy Sherman auf dem Titel als Überblickswerk wärmstens ans Herz gelegt (39,90 Euro, Prestel). Weil er nicht einfach nur bereits Gesehenes auf Papier bannt, sondern umfassendes Begleitmaterial bietet wie Studiofotos und Skizzen, einen Abstecher in den japanischen Streetstyle oder einem Essay von Barbara Vinken (“The Empire Designs Back”), das sich mit der Genese der Avantgarde der 80er Jahre beschäftigt. Mehr Impressionen nach dem Klick!

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