Ich habe meine Schwärmerei viel zu lange für mich behalten, habe sie vielleicht mal auf meinen Facebook Status publiziert und nur die besten Freunde persönlich über meine neue nächtliche Vorliebe vor dem Rechner eingeweiht. Mit meiner Mutter tausche ich mich seit Tagen schon über die letzten Höhepunkte aus. Jetzt, wo Mary es aber als Erste öffentlich gemacht habe, kann ich mich nicht mehr zurückhalten: Ich stehe einfach wahnsinnig auf Dominik Grafs Serie “Im Angesicht des Verbrechens”!
Dabei meide ich sonst jede Serie gewissenhaft, weil es nur allzu selten gelingt, einen Plot wirklich spannend über mehrere Etappen zu inszenieren. Wahrscheinlich haben Graf und sein Autor Rolf Basedow die Handlung deshalb auf 10 Episoden verknappt. Die Hälfte ist bereits erzählt, kann aber auf dem hervorragenden Online-Angebot von Arte + 7 eingesehen werden.
Die Geschichte erzählt zuerst einmal von einem Ermittlerpaar, von dem ich am Sonntag abend träume – vor allem vom auf Rache sinnenden und gleichzeitig wahnsinnig vorbildhaften Marek Gorsky, den Max Riemelt da so großartig verkörpert. Sie erzählt von Mädchenhandel und Zigarettenschmuggel durch die russische Mafia, die es sich in Berlin derart nett eingerichtet hat, in den Nobelrestaurants und Clubs. Doch jene als das “Böse” zu klassifizieren, fällt in dieser Serie genauso schwer wie in “Der Pate” oder “The Sopranos”.
Denn der adrette Mafiosi Mischa (Misel Maticevic) ist gleichzeitig ein seriöser Familienvater und Gatte von Gorskis schöner Schwester Stella (Marie Bäumer). Der leicht prollige und dreiste Brigadenführer Joska Bodrov (Marko Mandi) mit seiner noch prolligeren tschechischen Freundin ist genauso voller Ironie wie die Szenen, die man in einem Krimi nicht unbedingt erwartet, z.B. dass dem kriminiellen Freien eine Viagra-Pille so schlecht bekommt, dass er kurzerhand einen Schlaganfall erleidet und einen Autounfall baut.
Da es in jedem Kriminalfall immer zwei Seiten geben muss, die sich hier nicht ganz so eindeutig voneinander abgrenzen lassen, steckt auch hinter dem vermeintlich guten Kämpfer für das Recht, dem LKA, manche korrumpierbare Person. Und weil es letztendlich ohne die Liebe nur halb so schön wäre, bandelt sich da natürlich auch etwas an, zwischen dem integren Gorsky und der sehnsüchtigen Zwangsprostituierten Jelena aus der Ukraine.
Alles in allem eine vielschichtige Milieustudie in 500 Minuten. So soll es immer sein, das deutsche Fernsehen, das Graf selbst TV-Kino nennt. Nicht nur auf Arte.