Nachtrag zur Military Mode 2010

30. Mai 2010


Credits: Jean Paul Gaultier und Balmain Spring/Summer 2010 on Style.com

Erst Aufmarsch auf den Laufstegen bei Gaultier, Balmain und einigen anderen. Dann, ein halbes Jahr später, Kampfesgelüster in Glamour, InStyle und Gala sowie online: Der Military Style ist mal wieder da. Die Publikationen rühmen unisolo die unglaublichen Variationsmöglichkeiten (Stichwort “Stilbruch”) einer derben Gestaltungsbasis mit Verniedlichendem wie Blümchenkleid.

Von Entrüstung wie in den Siebzigern – als Vivienne Westwood und Malcolm McLaren zum ersten Mal der Provokation durch den Punk ein gebührend militantes Aussehen verliehen (gegenüber den friedliebenden Hippies auf der anderen Seite des Atlantik) – keine Spur. Stattdessen gehören Parka und derbe Schnürschuhe neuerdings zum Samstagsausgeh-Outfit der angehenden Unternehmensberaterin. Auch das Camouflagemuster wurde schon in den Neunzigern von rauen Rappern, die heute Armani tragen, wenig verborgen getragen.

Warum also die Rückkehr zu einem Modestil, der sich weniger mit den letzten verbleibenden, den ewigen Kriegsschauplätzen dieser Welt, beschäftigt als vor allem mit sich selbst? Denn damals, beim Aufkeimen, gab es immerhin noch Chile und Vietnam. Drei Erklärungsansätze:

Ist es die Suche nach staatlicher Autorität, in einer Zeit, in der sich die Parteien-Landschaft weitestgehend in der Mitte positioniert; bis auf einige Ausläufer am rechten und linken Rand? Oder sind dabei Selbstdisziplinierung und Konditionierung im Spiel, die in den diffusen, keine Grenzen setzenden Nullerjahren nicht stattgefunden haben. Und damit die Suche nach Orientierung und Zurechtweisung. Ein konservativer Ansatz.

Oder gilt es in den revolutionären Dimensionen des Punk und der Antifa zu denken, die sich mitunter die Symbole des Obrigkeitsstaates zu Nutze machen, um Widerstand und Selbstverteidigung zu suggerieren? Combat Boots der Demonstranten versus Schutzanzüge der Polizei – ein modisches Aufeinandertreffen, das jedes Jahr beispielsweise zum 1. Mai in Berlin reichlich zelebriert wird. Eine subversive Annäherung.

Offensichtlich handelt es sich aber auch um eine frauenfokussierte Moderichtung, die das Domina-Schema gewiss nicht negieren kann. Unnahbarkeit und Unterwerfung: das impliziert den sexuellen Mythos der Amazone, die mit der in Jogginghose putzenden und ewig lamentierenden Frau zuhause wenig gemein hat. Oder warum sonst verkaufen sich Uniform-Kostüme so hervorragend. Gender und Military – ist das die neue Perspektive?

Worin auch immer das größte Potential stecken mag. Irgendwie wirkt das Ganze doch genauso abgekämpft wie die Uniform eines Kim Jong-il oder die sexy Begleiterinnen von Gaddafi.

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