Türkisch für Designer

zitty_berlinbuch_2012/2013

Zitty; 11/2012: Im Neuköllner Schillerkiez, zwischen Wettbüros, Gemüseläden und Handy-Gebrauchtwarenhändlern, würde man Eleganz kaum vermuten. Schon gar nicht in einem Erdgeschossladen in der Kienitzer Straße. Doch genau dort findet sie sich. Türkische Frauen sitzen auf einer Couch und mehreren Sesseln und häkeln gemeinsam in einer Technik, die sie schon als Kinder gelernt haben. Dabei verweben sie mit feinem Garn zwei Welten miteinander, die normalerweise nicht in Berührung kommen: die glamouröse Welt der Haute Couture – und das traditionsverbundene Milieu der türkischen Einwanderer. Rita in Palma heißt das Label, für das die Türkinnen arbeiten. Dahinter steht Ann-Kathrin Carstensen, die mit blauen Jeans und türkisen Top für eine Designerin recht unauffällig gekleidet ist. Noch vor einem halben Jahr, erzählt die 34-Jährige in ihrem in lila gehaltenen Ladenlokal, verbrachte sie mehr Zeit in U-Bahn und Auto als mit dem Entwerfen ihrer kunstvollen Häkelkrägen und -tücher. Das Problem damals: Ihre Mitarbeiterinnen sträubten sich dagegen, zur Arbeit zu kommen – aus Angst, alleine U-Bahn zu fahren. Doch da nur wenige Frauen die komplizierten Häkeltechniken aus dem türkischen und griechischen Kulturraum beherrschen, begab sich Ann-Kathrin Carstensen nahezu täglich auf Hausbesuche.

Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgedreht. Besucht man Rita in Palma heute in Neukölln, trifft man dort schon mal zehn türkische Frauen im Alter von 40 bis 50 Jahren an, die im Verkaufsraum feinste Spitzen-Accessoires häkeln. Zwei andere stehen neben der Designerin vor einer Kleiderpuppe. Vor ihnen Tassen, aus denen Gewürztee dampft. Im Hintergrund läuft türkische Popmusik. Ein Kopftuch trägt nur jede Zweite. Manchmal bringen die Mitarbeiterinnen auch ihre Freundinnen mit und zeigen voller Stolz „ihren Laden“. An der gläsernen Eingangstür steht „Ritas Häkelverein e.V.“ – auch auf Türkisch.

Gegründet wurde Rita in Palma im Sommer 2010 von Ann-Kathrin Carstensen und Ana Nuria Schmidt, die das Label mittlerweile verlassen hat. Zusammen studierte sie Modedesign an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Ihr Geschäftskonzept: Häkel-Accessoires auf Couture-Niveau. Dazu wollten sie sich die Handwerkskunst der vielen türkischen Frauen, die in der Hauptstadt leben, zunutze machen. So weit die Theorie. In der Praxis war die Umsetzung nicht so einfach. Nicht nur wegen der Sprachbarrieren. Auch die Tatsache, dass viele der Frauen, die die Designerinnen damals in einer Kreuzberger Kiezeinrichtung anwerben wollten, in Deutschland nur die Arbeit zuhause kannten, erschwerte die Akquise. Erst als sich eine der Frauen bereit erklärte, ein Stück zu häkeln, begann das Eis zu schmelzen. Fünf feste „Häkelköniginnen“, wie die 34-jährige ihre Mitarbeiterinnen nennt, sind es inzwischen. Der Umgang miteinander ist sehr respektvoll, fast freundschaftlich.

Eine von ihnen ist Meryem Elci. Die Mitvierzigerin trägt ihr dunkelblondes Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Ein Tuch trägt sie lediglich um den Hals. Elci ist vor über dreißig Jahren vom Schwarzen Meer nach Deutschland gekommen. Sie hat in Berlin schon mehrere Nebenjobs ausgeübt. Doch mit Rita in Palma kann sie erstmals mit ihrem Hobby Geld verdienen. Bis zu vier Stunden verbringt sie täglich in dem Laden, trifft dort ihre türkischen Freundinnen und lässt nebenbei geschäftig die Häkelnadeln klappern, als sei es das leichteste der Welt, aus einem weißen Garn ein so kunstvolles Netz zu knüpfen, das einer mehrgliedrigen Kette an Raffinesse in nichts nachsteht – und auch so fest ist.

„Ich habe das Häkeln schon als Kind in der Türkei gelernt. Das war bei uns ganz normal“, sagt Meryem Elci. „Meine Kinder, die zwischen 13 und 29 Jahre alt sind, können selbst leider nicht häkeln. Die haben ganz andere Hobbys.“ Die traditionelle Häkelkunst, wie sie Meryem Elci und die anderen Frauen beherrschen, ist allmählich vom Aussterben bedroht. Dem will Rita in Palma entgegen wirken. Denn feine Stickereien oder Häkelarbeiten werden heute nur noch selten von Hand gemacht. Inzwischen rufen auch ältere Frauen bei Carstensen an, die sich ein zweites Exemplar ihrer antiken Tischdecke wünschen. Auch solche Auftragsarbeiten vermittelt Carstensen an ihre Frauen, und verhilft ihnen zu mehr finanzieller Eigenständigkeit.

Im Gegenzug unterstützen sie Frauen wie Meryem Elci bei der Entwicklung der eigenen Kollektion. Seit ein paar Monaten entwirft Ann-Kathrin Carstensen fast jeden Tag ein neues Stück. Darunter sind die feenhaften Häkelkrägen in Rosa, Hellblau oder Schwarz, die sich wie ein feines Spinnennetz über das Dekolleté legen. Aber auch Armbänder, Ketten und Ohrringe mit verspielten Woll-Bommeln sowie Tücher, deren Borten von den Kopftüchern der türkischen Frauen inspiriert sind, und die von Hand geknüpft werden. So etwas dauert. Ein Kragen ungefähr zehn Stunden. Ein Tuch ganze zwei bis drei Tage. Das hat seinen Preis: Der grobmaschige schwarze Kragen namens „Sinah“ – nach seiner Schöpferin benannt – kostet im Online-Shop von Rita in Palma 299 Euro. Das altrosafarbene Seidentuch „Nurye“ mit den lila-schwarzen Spitzenborten sogar 429 Euro. Eine Monatsmiete in Neukölln.

In die deutsche „Vogue“ fügt sich das Neuköllner Label hingegen bestens ein. Die Modebibel veröffentlichte ein Porträt über Rita in Palma, nachdem Chefredakteurin Christiane Arp einen Besuch in Neukölln abstattete. „Als ich meinen Frauen von dem anstehenden Besuch erzählte, riefen die mich gleich aus dem Kiosk an und baten mich, den Namen des Magazins zu buchstabieren. Als dann das „Vogue“-Team bei mir durch den Laden spazierte, war ich tierisch aufgeregt“, erzählt Ann-Kathrin Carstensen. „Das war schon eine Ehre.“ Auf Modemessen wie der Premium kam Rita in Palma genauso gut an. Immer mehr Shops schicken ihre Order nach Neukölln. Kürzlich kamen Boutiquen in Zürich, München und Nürnberg hinzu.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm Notiz von Rita in Palma. Sie hat dem Label den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis des startsocial-Wettbewerbs verliehen, der jedes Jahr Sozialprojekte aus ganz Deutschland auszeichnet. Zuvor nahmen die nominierten Projekte an einem Coaching durch ehrenamtliche Berater teil. Bei Rita in Palma war das die Geburtstunde für einen zum Label gehörigen Verein, einem Häkelsalon. Hier treffen sich die Frauen jeden Dienstag und Donnerstag nachmittag zum gemeinsamen Hobbyhäkeln oder zu einer Yogastunde. Zudem bietet eine Lehrerin kostenlosen Deutschunterricht an. Denn Integration muss gelernt werden. Ann-Kathrin Carstensen lernt ihrerseits Türkisch. „Frauen-Imperium“ nennt sie fast schon scherzhaft ihr Unternehmen. Und da zu einem Reich, egal von welcher Größe, Gesetze gehören, gibt es in Ritas Häkelsalon ein Vereinsregelwerk, Versammlungen und eine Schatzmeisterin. Zu Streit kam es bislang aber nicht. Höchstens zu hitzigen Diskussionen über die Menge oder die Größe der Maschen. Nicht über das Honorar.

Denn der Preis, den die Designerin pro Stück zahlt, ist nach wie vor Verhandlungssache. Gerne würde sie mehr zahlen. Allerdings kann sich Rita in Palma trotz starker Nachfrage und hohem Medieninteresse noch nicht eigenständig finanzieren. Mit dem Wachstum steigen auch die Ausgaben. Dass die 34-jährige, die sich selbst keinen ihrer Krägen leisten könnte, immer noch Existenzängste plagen, kann sie kaum verbergen. Mut machen ihr vielversprechende Zukunftspläne. Zum Beispiel arbeitet sie seit kurzem an einer ersten Bekleidungskollektion, die Kleider und Blusen umfassen soll. Dass Rita in Palma ein Accessoire-Label ist, war schließlich nie beabsichtigt. Und eine langfristige Vision gibt es auch: „In fünf Jahren“, sagt Carstensen, „würde ich gerne mit meinen Frauen die Couture für Chanel schneidern und häkeln.“ Karl Lagerfeld in Neukölln – sicherlich eine reizvolle Vorstellung.

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