Die voll korrekte Lederjacke

Deepmello, ZEIT online

ZEITonline; 11/2012: Bei Fleisch spielt Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle. Bei Lederkleidung weiß der Käufer dagegen kaum, woher das Material kommt. Einige Labels versuchen das zu ändern.

So sehen Werbebotschaften von Modedesignerinnen selten aus: Aufnahmen aus indischen Schlachthöfen, Rinder, die gehäutet werden, während sie teilweise noch bei Bewusstsein sind. Mit ihrem schockierenden Video auf YouTube will Stella McCartney im Auftrag der Tierschutzorganisation Peta klarmachen, warum sie kein Leder in ihren Kollektionen verwendet. McCartney, die bekennende Vegetarierin ist, plädiert außerdem für lederfreie Modewochen. Doch bisher ist sie die einzige Designerin von Weltrang, die vegane Mode produziert. Puma, der fränkische Sportartikelanbieter, macht es der britischen Designerin gleich. Ende Juni dieses Jahres verkündete der Manager Jochen Zeitz, dass die Firma Bälle wie auch Schuhe künftig lederfrei herstellen wolle. “Wir alle sollten weniger Fleisch essen und weniger Leder verwenden”, sagte Zeitz auf dem Uno-Umweltgipfel in Rio de Janeiro. “Ich denke, so sieht die Realität aus.”

An der Fleischtheke fragen die Kunden seit BSE und Dioxinskandalen zunehmend nach, von welchem Rinderhof das Entrecôte stammt und welcher Geflügelhof die Schenkel lieferte. Immer öfter fällt die Entscheidung für Biofleisch aus. Wer jedoch eine Lederjacke kaufen will, bekommt fast nie Auskunft darüber, woher die Rohware stammt. Das bekannte Ledersiegel bestätigt nur die Echtheit des Materials. Denn wenn Leder eines ist, dann vor allem ein Luxusgut. In Italien, wo es europaweit die meisten Gerbereien gibt, lebt eine ganze Industrie davon. Ledertaschen und -schuhe “Made in Italy” von Tod’s, Gucci oder Fendi, stehen für Wertarbeit.

Ein Blick in die Herbst-/Winterkollektionen von beispielsweise Alexander McQueen oder Rick Owens zeigt: Leder ist das Material der Saison. Beide Labels, deren Mode ganz unterschiedlich ist, zeigen einen erweiterten Einsatz von Leder – als Minirock oder Kleid. Das beeinflusst auch Massenproduzenten wie H&M, die immer häufiger günstige Echtware anbieten. Nach Angaben des Verbands der deutschen Lederindustrie (VDL) wurden mit Leder in Deutschland 2011 höhere Umsatzsteigerungen erzielt als noch im Vorjahr; inklusive der üppigen Ausstattung von Fahrzeugen und Mobiliar. 408,1 Millionen Euro beträgt der Umsatz mittlerweile. Grund dafür ist vor allem das Umsatzwachstum durch Exportwaren. “Lederkleidung wird zu 99 Prozent aus dem Ausland importiert”, sagt Reinhard Schneider, Geschäftsführer des VDL. Die wichtigsten Exportländer sind laut Information des VDL und des Statistischen Bundesamtes Italien, Brasilien, Polen, Österreich, Uruguay und Indien.

Handelt es sich bei diesem Leder um Nebenprodukte der Fleisch verarbeitenden Industrie? Lediglich zu 60 Prozent, sagt Peta. 40 Prozent der weltweiten Schlachtungen landen nicht auf dem Teller, sondern dienen einzig der Lederherstellung. Die Gleichung Leder als Abfallprodukt gilt vor allem in Indien nicht – viele Hindus essen dort kein Rindfleisch. Da sich die Lederindustrie die günstigen Lohn- und Warenkosten in Schwellenländern wie Indien zunutze macht, geht auch dort inzwischen Rentabilität vor Rinderschutz. Heilig sind die Kühe also auch in Indien längst nicht mehr, wenn der wirtschaftliche Druck und die Nachfrage aus Europa und Amerika wachsen.

Fragt man einige bekannte Marken, woher sie ihr Leder beziehen, geben diese nur spärlich Auskunft. Gucci etwa teilt mit, gar keine Informationen zur Herkunft des Leders herausgeben zu können. Die schwedische Firma Acne, deren beliebte Stiefeletten seit ein paar Saisons das urbane Bordsteinpflaster frequentieren, gibt an, dass sie nur Leder aus der europäischen Fleischproduktion verwende. Zum Beispiel aus Frankreich oder Italien. COS, kurz für Collection of Style, die schicke kleine Schwester von H&M, sagt, dass der Großteil des angebotenen Leders aus Europa komme. Ansonsten verweist man auf den Nachhaltigkeitsbericht von H&M. Unter dem Punkt “Product Policy” gibt der an, dass man nur Häute von Schlachtungen für die Fleischindustrie einkaufe. Weiter: “H&M gestattet kein Rindsleder aus Indien, da dort grausame Tiertransporte vorkommen.”

Zurück bleibt ein ratloser Konsument. Welche Alternativen gibt es für Kunden, denen Nachhaltigkeit wichtig ist? Und die nicht auf die Plastikpatina einer 50-Euro-Jacke aus Lederimitat ausweichen möchten? Eines der wenigen deutschen Labels, das sich explizit auf “nachhaltiges Leder” spezialisiert hat, heißt Deepmello. Statt der mineralischen Gerbung mit toxischen Chromsalzen, die weltweit zu mehr als 80 Prozent eingesetzt wird, weichen die Macher auf eine pflanzliche Gerbmethode mit Rhabarberwurzel-Extrakt aus. In der Nähe von Magdeburg wird der Rhabarber angebaut, das Leder großenteils in Bayern erzeugt. Anne-Christin Bansleben, die das Label mitgegründet hat, ist Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Aromastoffanalytik von Pflanzen. Sie hat selbst jahrelang die Forschung betrieben, die dem Projekt voranging.

Das Leder von Deepmello stammt teils aus freilebender, teils aus konventioneller Nutztier-Haltung, sagt Bansleben. “Wir beziehen kein Leder von Mastbetrieben, weil man dem Leder ansehen würde, wenn die Tiere beispielsweise vor der Schlachtung getrieben wurden.” Eine reine Freilandhaltung hingegen sei durchaus möglich, sagt Bansleben. Sie sei mit Deepmello auch mittelfristig bestrebt, alle Leder aus Biohäuten herzustellen. “Jedoch muss dafür die Bereitschaft der Kunden größer werden, Naturmerkmale im Leder, zum Beispiel Kampfspuren oder Spuren von Verletzungen am Zaun, zu akzeptieren”, fügt Bansleben hinzu.

Die Preise von Deepmello liegen im oberen Segment. Ein Kleid aus 0,5 Milimeter dünnem Rinderleder kostet knapp 800 Euro. Bansleben erklärt den Preis damit, dass das biologisch abbaubare Gerben mit der Rharbarberwurzel doppelt so teuer sei wie das chemische Gerbverfahren. Trotzdem rechne sich das Konzept, sagt Bansleben. “Das Interesse an unseren Produkten wächst.”

Die Taschenmarke Beliya geht ebenfalls, wenn auch ganz anders, nachhaltig mit dem Thema Leder um. Die beiden Gründerinnen Annika Busse und Andrea-Victoria Noelle verwenden für ihre selbst entworfenen Taschen neuwertiges Leder aus Resten der Sofa-Produktion. Ein Stück Rinderleder, das nicht als Sitzpolster dient, baumelt heute am Arm ihrer Kundinnen.

Free People, die stark expandierende US-Boutiqe aus New Jersey, die sich ähnlich Urban Outfitters – beide Labels gehören zusammen – an ein junges, modeaffines Publikum richtet, bringt seit 2011 Lookbooks mit dem Etikett “vegan leather” heraus. Ein Teil der aktuellen Kollektion ist zum Beispiel eine schwarze Biker-Jacke in Lederoptik für rund 140 Euro. Tier-, trend- und preisbewusst, wenngleich aus 100 Prozent Plastik. Auch Miniröcke oder hautenge Hosen aus “vegan leather” gibt es bei Free People.

Wenn immer mehr kleine Designer auf Nachhaltigkeit und Transparenz umstellen, wann sind dann die Großen der Branche dran? Wann kommt die Hermès Kelly-Bag nicht aus Exoten-, sondern aus veganem Leder für einen Bruchteil des bisherigen Preises in die Läden? Eine zugegeben wenig wahrscheinliche, aber sehr lebewesenfreundliche Vorstellung.