Deutsch-türkisches Häkeln

Rita in Palma

ZEITonline; 04/2012: Die kunstvollen Kragen von Rita in Palma heißen Zaide oder Birgül – wie die türkischen Näherinnen des Labels. Gerade bekam es einen Integrationspreis von der Kanzlerin: Häkelei im Kanzleramt! Laienmodelle präsentieren Kragen, Tücher und Schmuck des Berliner Labels Rita in Palma. Wenig später erhalten die Gründerinnen, Ana Nuria Schmidt und Ann-Kathrin Carstensen, von der Bundeskanzlerin den Sonderpreis des Startsocial Awards, der jedes Jahr Sozialprojekte in Deutschland auszeichnet. Die Designerinnen und ihre türkischen Näherinnen fallen sich in die Arme. Einer der Frauen, Zeynep, steht die Freude ins sorgfältig geschminkte Gesicht geschrieben: “Ich arbeite seit ein paar Jahren für die beiden. Dass die Sachen toll ankommen, freut mich sehr.”

Was bei der Preisverleihung am Mittwochabend im Bundeskanzleramt wie eine eingespielte Partnerschaft wirkt, musste sich allerdings erst entwickeln. Aus einer Laune heraus beschlossen Schmidt und Carstensen 2009, dass sie mit Rita in Palma Häkel-Accessoires anbieten wollen. Keine Abendkleider, keine Handtaschen, nein, Häkelarbeiten. Aber die Umsetzung stellte ein Problem dar. Zwar hatten sie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin Modedesign studiert, doch Häkeln konnten sie beide nicht besonders gut. “Uns fiel dann ein, dass es doch so viele türkische Frauen in Berlin gibt, die diese Technik von klein auf beherrschen”, erzählt Ana Nuria Schmidt im Atelier, während sie ihre einjährige Tochter im Arm hält.

Das erste Flugblatt auf Türkisch, das in Neukölln um Näherinnen warb, brachte jedoch nichts. Deshalb nahmen die Designerinnen direkten Kontakt zu einer Kreuzberger Kiezeinrichtung auf, in der sich türkische Frauen zum Häkeln treffen. Zunächst hat dort niemand die Projektidee der Designerinnen verstanden, auch aufgrund sprachlicher Barrieren. “Das war für die Frauen schließlich das erste Mal, dass jemand ihre Handarbeitskunst nutzen wollte”, erinnert sich Schmidt. Einige Treffen später fruchtete es. Eine Frau häkelte ein Stück, fünf weitere Frauen folgten. Und damit unzählige Gespräche. “Die Frauen sind einfach ängstlich. U-Bahn fahren, eine Rechnung schreiben oder eine Steuernummer beantragen – das sind alles Dinge, die viele von ihnen noch nie gemacht haben.” Deswegen kommen Carstensen und sie ihren Näherinnen mit dem Modell Heimarbeitsfabrik entgegen. Nicht selten durchqueren sie ganz Berlin, um die “Häkelköniginnen”, wie sie die türkischen Frauen nennen, im Wedding zu besuchen. Dort sitzen sie dann mit ihnen am Küchentisch und diskutieren neue Muster, was sich – bei Tee und Baklava – über Stunden hinziehen kann. Ein nicht zu verachtender Zusatzaufwand für die Designerinnen, der sich jedoch als vertrauensstiftende Maßnahme bewährt hat.

Bis zu zehn Stunden dauert es, bis ein handgefärbter Häkelkragen fertig ist, filigran wie ein Spinnennetz. Die Tücher, deren Borten von den Kopftüchern der türkischen Frauen inspiriert sind und die per Hand geknüpft werden, brauchen doppelt so lang. “Wir erklären unseren Näherinnen sehr genau, wie viel wir am Endpreis verdienen und wie viel der Einzelhandel bekommt. Trotzdem haben wir oft ein schlechtes Gewissen, weil wir denken, dass das Tuch viel zu aufwendig ist, für den Lohn, den wir zahlen. Auf der anderen Seite leben wir gerade selbst von Hartz IV”, sagt Schmidt. Die Designerinnen könnten sich ihre eigenen Entwürfe zum jetzigen Zeitpunkt nicht leisten, wenn sie diese im Laden kaufen wollten. Was nicht heißt, dass es für die Stücke keine Zielgruppe gibt. Zu den Kunden gehört unter anderem die US-Schauspielerin und Stilikone Chloë Sevigny. Um Frauen wie Sevigny auf die Kollektion aufmerksam zu machen, reicht ein sozialer Ansatz alleine aber nicht aus: “Sie muss vor allem gut aussehen”, sagt Schmidt.

Auch wenn sie mit ihrem sozialen Engagement in Berlin nicht alleine sind – zu nennen wären zum Beispiel das EU-geförderte Modellprojekt Nemona oder die Modeagentur Common Works – haben Rita in Palma mit ihrem Projekt durchaus eine Vorbildfunktion. Andere Designer wie das Label Augustin Teboul, die ebenfalls mit gehäkelten Textilien arbeiten, haben sich bereits bei Schmidt und Carstensen wegen der Näherinnen erkundigt. “Wir können uns sehr gut vorstellen, für unsere Frauen eine feste Produktionsstätte zu eröffnen, die auch anderen Labels offen steht. Allerdings muss die integrative Arbeit dabei eine wichtige Rolle spielen und nicht nur die Bezahlung.” Dank eines dreimonatigen Coachings, das Teil der Startsocial-Initiative ist, haben die Designerinnen den ersten Schritt in diese Richtung bereits gemacht. Im 110 Quadratmeter großen, allein mit Hilfe von privaten Sponsoren finanzierten Atelier, soll ab Ende Mai der Verein Ritas Häkelclub tagen. “Wir wollen das Beschäftigungsverhältnis professioneller gestalten, indem die Frauen zum Arbeiten zu uns kommen.”

Für die Näherinnen wird die Zusammenarbeit dadurch ebenfalls attraktiver. Eine türkische Frau sieht durch die Tür des Ateliers, in dem das Gespräch stattfindet. Sie würde gerne für die Modemacherinnen arbeiten, sagt sie. Schmidt freut sich über das Angebot und verspricht der Interessentin, sich bald bei ihr zu melden. Denn gerade hat sie viel zu tun. Die Press Days, bei der Rita in Palma ihre jüngste Kollektion vorstellen werden, stehen vor der Tür. Die schöne Mode mit dem sozialen Anspruch soll ja auch verkauft werden.

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Foto: Julia Stelzner