Vom Punk zum Powerdress

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Interview.de; 02/2012: In den Neunzigern ließen sich Thea Bregazzi und Justin Thornton vom Punk inspirieren. Heute begeistern sie mit den kurzen Kleidern ihres Labels PREEN das junge Hollywood: Die Portobello Road in Notting Hill: Auf dem Bürgersteig tauchen Antiquitätenhändler altes Möbiliar in liebliche Pastelltöne. Die Anwohner trinken derweil vor dem Pub ihr erstes Nachmittagsbier. In diesem, fast schon familiären, Umfeld verkauft das Label PREEN seit 1996 seine Mode. Ihre kleine Boutique liegt in einer Passage ein wenig abseits der Straße. Gut riecht es dort – nach Duftkerzen. Zur Linken erstreckt sich eine einzige Kleiderstange über die komplette Länge des Shops. An ihr hängt die aktuelle Herbst-Winter-Kollektion.

Diese wurde schon auf der New Yorker Fashion Week von den Kritikern begeistert angenommen. Vor allem die Blusen mit den schimmernden, kaleidoskopartigen Drucken. Zu denen ließen sich Thea Bregazzi und Justin Thornton, das Designerpaar hinter PREEN, von der kalifornischen Arts-and-Crafts-Bewegung inspirieren. Michelle Obama trug bereits vor allen anderen ein lilafarbenes Kleid aus jener Kollektion. Den einzelnen Looks ist die Dekonstruktion deutlich anzusehen. Thornton macht dafür den gemeinsamen Schaffensprozess verantwortlich, als wir uns später im Studio der Designer treffen: „Ich entwickle meist sehr grafische Schnitte und dann moniert Thea, dass das Kleid zwar gut aussähe, aber keinen Platz für die Brüste lasse.“ Das Paar hatte sich in einem Kunstseminar auf der Isle of Man, ihrer Heimat, kennengelernt. Da waren die beiden 18. Einige Jahre später traf man sich in einem Londoner Club zufällig wieder.

Heute haben die beiden sieben festangestellte Designer. Sie sind kaum älter als 30 und wirken bei der Arbeit am großen Schneidetisch hochkonzentriert. „Wenn der Schauentermin näherrückt, geht es schon etwas stressiger zu“, sagt Thornton. Doch noch drängt sich im Atelier im Norden von Notting Hill der Eindruck auf, dass die Stimmung in einem fernöstlichen Tempel nicht ausgeglichener sein könnte. Wie schon die Boutique liegt das Studio etwas verborgen: inmitten von Geschäftsgebäuden, ohne Klingelschild und mit verhangenen Fenstern.

Splendid Isolation auch in der Mode? Sicherlich nicht beabsichtigt. Doch gerade mit dieser diskreten Nonchalance reüssiert PREEN als moderner UK-Modexport. Einer, der avantgardistisch ist, obwohl er sich seit 15 Jahren selbst zitiert. Und dabei ein Stück weit erwachsen wurde. Kleinteiliges Patchwork oder transparente Oberteile, beeinflusst vom Victorian Punk, sieht man kaum noch bei PREEN. Drapierungen, Asymmetrie und Layering sind hingegen geblieben – streng geometrisch strukturiert und penibel vernäht.

Schließlich sind Bregazzi und Thornton auch älter geworden. Mit 39 Jahren verbringen sie mehr Zeit mit ihrer kleinen Tochter auf dem Spielplatz anstatt in Clubs. So gerieten ihre Stilmittel gleichsam dem ehemals wilden West-London in die Konformitätsmühle. Cathy Horyn von der „New York Times“ bemerkte diesen Wandel schon vor Jahren. Sie schrieb in ihrer PREEN Kollektionsbesprechung von Februar 2008: „Their clothes get more sophisticated without losing their cool.”

Der Erfolg gibt PREEN Recht. Inzwischen verkauft das Designerduo weltweit. Das Attribut „cool“ fällt dabei oft als Erfolgsfaktor. Bregazzi verwendet es sogar selbst. „Es gibt viele junge Schauspielerinnen, die auf dem roten Teppich lieber kurze, coole Kleider als schwere Roben tragen.“ Gemeint sind ihre prominenten Kundinnen Chloë Sevigny, Gemma Arterton oder Diane Kruger. Das Angebot hat sich trotz steigender Beliebtheit eher verkleinert. Vor einigen Jahren brachte PREEN noch eine Herrenkollektion heraus. Als sich jedoch 2008 das Label in die elegante „PREEN Collection“ und die legere, preisgünstigere „PREEN Line“ aufspaltete, musste die Herrenlinie daran glauben. Thornton bedauert diesen Wegfall persönlich.

Bei PREEN konzentriert man sich eben lieber auf das Wesentliche. Das ist neben der Kombination geometrisch-starrer Schnitte mit weich fließenden Seidenteilen in jüngster Zeit der Umgang mit aufwendigen Drucken und Applikationen. So auch bei der kommenden Frühjahrskollektion. Eine Kinderkollektion wird es entgegen aller online kursierenden Gerüchte erstmal nicht geben. Doch Thorntons und Bregazzis Begeisterung für das Thema ist zu entnehmen, dass „Mini PREEN“ durchaus einmal spruchreif sein könnte. Und vielleicht wird ja auch die Herrenkollektion neu aufgelegt. Dann müssten die beiden aber eine größere Boutique anmieten als die in der Passage an der Portobello Road.

Zu diesem Text auf interview.de

Foto: Frank Reichert