Interview: Juergen Teller

Juergen Teller; Self Service magazine

Interview.de; 05/2012: Es gibt jede Menge Bildbände von angesehenen Fotografen. Doch die stehen meist für sich. Bei Juergen Tellers neuestem Buch ist es anders: „Bilder und Texte” (Steidl Verlag) basiert auf der von 2009 bis 2010 veröffentlichten Kolumne des ZEITmagazins „Unterwegs mit Juergen Teller”. In dieser trat der Fotograf, mal anekdotisch, mal autobiographisch und nicht selten polarisierend, erstmals auch als Autor in Erscheinung. Und legte so auch sein Privatleben und seine Arbeitsweise offen. Zu dem Bild des ehemaligen Topmodels Kristen McMenamy, die darauf nichts als ein Haifischgebiss über dem Kopf trägt, hält er beispielsweise fest: „Seltsam ist es schon, dass die da so ein Ding aufhat, aber noch skurriler fand ich, dass er das Bild nicht so genau angeschaut hatte und dachte, es wären irgendwelche Unterhosen auf dem Kopf. Ich finde es sehr interessant, dass manche Leute generell nicht genau Fotos anschauen.” Manche der Leser haben das hingegen sehr genau getan – und sehr genau genommen. Jede Woche trafen zahlreiche Leserbriefe bei der Redaktion ein. Von „we are not amused”, „einer voyeuristischen Zurschaustellung der sekundären Geschlechtsmerk-male” und „Quatschprodukten” war da zu lesen oder „Hilfe, gibt’s hier nicht irgendwo eine BILD-Zeitung?”. Als eine Auswahl seiner Kolumnen und einige neue Bilder und Texte nun als Buch erscheinen sollten, entschied Juergen Teller sich dazu, auch einen Teil der Leserbriefe als zweites Buch abzudrucken. Ganz am Ende davon ein sehr schmeichelhafter: „Das war so gut! Ich mag Ihre Arbeit sehr. Das soll man ja auch mal weitersagen!!!!! (…) PS: Wenn sie mal ein Nacktmodell suchen…“ Die Absenderin: Charlotte Roche.

Interview: Haben Sie lange gezögert, als die Anfrage kam, für eine regelmäßige Kolumne Kurztexte zu Ihren Bildern zu verfassen?

Juergen Teller: Ich fand das Magazin selbst schon immer sehr gut. Als Christoph Amend und Andreas Wellnitz (Chefredakteur und Bildchef des ZEITmagazins) mich dann unbedingt in London besuchen wollten, habe ich deshalb auch zugesagt. Ich habe dann auch gleich ja gesagt, als sie mir dort von ihrer Idee für die Kolumne erzählten. Auf der anderen Seite war ich mir aber auch unsicher, was ich da überhaupt schreiben soll.

Interview: Ist Ihnen die Auswahl der Bilder und das regelmäßige Schreiben leicht gefallen?

Teller: Meist war es relativ einfach. Manchmal musste ich auch überlegen und in mein Archiv schauen. Auf der einen Seite gab es da Bilder, die so „magic“ sind, dass man ihnen durch einen Text genau diese Stärke nehmen würde. Oder es gab andererseits eine starke Geschichte, aber dazu kein gutes Foto. Und teilweise war der Inhalt auch zu schwierig für die Leserschaft…

Interview: Sie haben also durchaus Bilder zurückgehalten? Es hagelte ja bereits von Anfang an Beschwerden über manche Beiträge.

Teller: Ja, das gab es auch – Bilder, über die gesagt wurde, dass man diese besser nicht zeigen solle.

Interview: Meinen Sie selbst, dass Ihre Bilder eine Erklärung brauchen?

Teller: Oft war es einfach so, dass ich nach Fotostrecken nach Hause komme und beim Abendessen eine gute Geschichte erzählen konnte. Ich habe auch nach den 1,5 Jahren, in denen die Kolumne erschien, weitergemacht und für mich selbst Texte geschrieben, die jetzt im Buch gezeigt werden. In den neuen Stories markiert das Foto manchmal nur den Anfangspunkt, von dem ich mich beim Schreiben entferne, um etwas anderes zu erzählen.

Interview: Werden Sie weiterschreiben, vielleicht völlig losgelöst von Bildern?

Teller: Ja, warum nicht? Es kam durchaus vor, dass ich erst den Text geschrieben habe, bevor ich das Bild dazu gemacht habe. Gerade habe ich für The Journal eine Beilage names „Irene im Wald“ gemacht. Dafür habe ich drei Texte zu völlig neuen Bildern geschrieben. Also, das Schreiben mache ich schon ganz gerne.

Interview: Sie hatten jedoch nie das Bedürfnis, auf die Beschwerdebriefe der Leser zu antworten?

Teller: Nicht wirklich, ich habe ja von Freunden und Familie sehr positive Resonanz auf die Kolumne bekommen. Aber es war schon komisch: Irgendwann haben mir die Leute vom ZEITmagazin, die meine Kolumne sehr mochten, erzählt, dass diese die Leserschaft spaltet. Ich musste selbst einige der Briefe mehrmals lesen, um das zu verdauen, was da geschrieben wurde. Denn die Beschwerden waren teilweise schon so persönlich, dass ich mir am Anfang wie ein schlechter Mensch vorkam. Doch dann wollte ich den Spieß rumdrehen und habe die Briefe veröffentlicht: als Literatur über mich.

Auf interview.de gibt’s diesen Text natürlich auch.

Foto: Kate Moss für self service von Juergen Teller