Im Dienste der Männlichkeit

Screenshot Skyfall

Financial Times Beilage; 09/2012: James Bond hat die schnellsten und elegantesten Autos, Sex mit dem schönsten Frauen und, selbst dem Tod ins Auge blickend, immer einen lockeren Spruch parat. Der Gleiche ist der Geheimagent trotzdem nicht geblieben. Denn über die Jahrzehnte hinweg veränderte sich mit den wechselnden Hauptdarstellern auch sein Rollenbild als Mann: Als 2005 bekannt wurde, dass Daniel Craig die Rolle des britischen Geheimagenten James Bond übernehmen wird, waren nicht nur die Fans alles andere als amused. Auch die britischen Tabloids ätzten. „James Bland“ (James langweilig) titulierten sie die Besetzung. Daniel Craig, so seine Kritiker, hätte den Esprit eines Bankers. Nicht das Charisma des berühmtesten Mitarbeiters des britischen Geheimdienstes. Mit dem Filmstart 2006 kam der Paradigmenwechsel. Der Guardian nannte das Resultat einen „dem Tode trotzenden, Sportwagen fahrenden, weibliche Rücken liebkosenden und Cocktail-Rezepte optimierenden Triumph“. Weiter: Craig sei „der beste Bond seit Sean Connery“. Was aber war der Grund, dass Craig mit seiner Darstellung am Ende brillierte?

Hier ist nicht zuletzt die Tatsache zu nennen, dass Craig ein aktualisiertes Bond-Bild einläutete. Denn der Agent hatte im 21. Jahrhundert nicht nur dringend einen neuen Drink nötig (Vesper mit Gin, Wodka und Kina Lillet statt Wodka-Martini), sondern auch ein neues Image: James Bond sollte nicht länger nur der Gentleman und Überschönling sein, der in den Verfilmungen die Jahre zuvor aus ihm herausgekitzelt wurde. Er durfte wieder ganz Macho sein. Denn seien wir ehrlich: Natürlich hat die Filmfigur des Spion – obschon nicht adliger Herkunft – seit sage und schreibe genau 50 Jahren tadellose Manieren, einen Koffer voller maßgeschneiderter Anzüge und einen überhöhten Patriotismus, der Bond wiederholte Male fast das Leben kostete. Doch übersetzt man das Wort „Gentleman“ einmal ins Deutsche, wird schnell klar, dass Bond, bis auf einige wenige Ausnahmen, nicht gerade einen „liebenswürdigen Mann“ personifiziert.

Aber gehen wir chronologisch vor: Anstelle des Wunschkandidaten, dem etwas glatten Hitchcock-Hauptdarsteller Cary Grant, debütierte Sean Connery als James Bond auf der Leinwand. Und verpackte dabei jede Menge Testosteron in einen schwarzen Anzug, garniert mit einer Fliege. In diesem Sinne stellte Connery die Weichen für einen fast schon animalischen, sehr zynischen Spion. Einen, der schon mal mit brennender Zigarette im Mundwinkel (als Geheimagenten bei aller körperlicher Exorbitanz noch rauchen durften) auf den Abzug drückte. Wenig gentleman-like war wohl auch, dass Bond gegenüber feindlicher Agentinnen wie Pussy Galore schon mal handgreiflich wurde. Aber es waren die Sechziger. Der Mann durfte noch Macho, ein Mad Man, sein. Als Roger Moore – nach einem kurzen George Lazenby-Intermezzo, das nicht mehr Spuren hinterliess als kurzzeitig die eines Ehering – in den siebziger Jahren für den Secret Service rekruitiert wurde, hatte er es nicht ganz so leicht. Die Emanzipation hielt Einzug. Und vielleicht war genau dieser Umstand ausschlaggebend für Bonds aufkeimende Ironie. Doch auch Moore war, wie Connery, nicht nur auf verbaler Ebene angriffslustig, sondern ebenso mit der Walther PPK.

Dann kam, nach zwei Episoden mit Timothy Dalton, Pierce Brosnan als wohl bestaussehendster Bond der Geschichte in einem BMW daher, wobei der Aston Martin genauso auf der Strecke blieb wie der Draufgänger Bond. Gentleman und Agent hatten auf einmal vielmehr gemeinsam als nur vier Buchstaben. Dafür fehlte es an Ecken und Kanten. Mit dem Kalten Krieg wurde so auch das Raue in Bond zu Grabe getragen. Die Auferstehung kam schließlich mit Daniel Craig. Was den neuen Bond ausmacht: Er ist unglaublich cool, fast schon unterkühlt. Trotzdem beweist er Tiefgang, wenn er – wie keiner seiner Vorgänger – Gefühle zeigt. Oberflächliche Witze reißt er hingegen nur noch selten; es sei denn, er wird gefoltert. Außerdem missachtet Bond Anweisungen von oben und profiliert sich als Radikaler. So auch in „Skyfall“, Bonds kommender Mission. In der scheint er ums Leben gekommen. Kommt dann aber umso gewaltiger zurück, um das MI6 in einem Katz-und-Maus Spiel zu unterminieren. Aber so ist das mit Film-Helden, egal ob Machos und Gentlemen. Selbst wenn sie tot geglaubt sind, kehren sie, zumindest als Stereotypen, doch immer wieder zurück auf die Bildfläche. Denn Bond ist schließlich vor allem eins: ein Mann des Zeitgeists.

Foto: Screenshot Trailer, youtube