Ein Bissen Schuld, ein Happen Freude

Food Creation, Taste Festival

ZEITonline; 06/2012: Die Siebziger brachten die Nouvelle Cuisine, in den Neunzigern debütierte die Molekularküche. Heute will Essen auch verstören. Ein Besuch beim Berliner Taste Festival: Aus der Mitte einer Kirsche ragt aggressiv eine Alge, daneben breitet sich in einer Petrischale eine trübe Masse aus, deren Bestandteile sich kaum erahnen lassen. Sie spielen eigentlich auch keine Rolle, denn diese kleinen Stillleben sind Essensexperimente. Sie sollen durch Optik und Geschmack wirken, nicht durch Nährwert. Die künstlerischen Aspekte von Essen aufzuzeigen, das ist die Mission der 50 Künstler, Designer und Grafiker, die sich beim Taste Festival derzeit in Berlin treffen.

Dass Essen nicht länger nur satt machen und schmecken soll, sondern Spitzenköche an immer ausgefalleneren Formen, Texturen und Aromen arbeiten, um den Gaumen zu reizen, ist nicht neu. Spätestens mit dem katalanischen Koch Ferran Adrià, dem Gründer des legendären Sterne-Restaurants elBulli, ist auf den Tellern der gehobenen Spitzengastronomieeine neue kulinarische Ästhetik eingekehrt. Adrià gilt als der Pionier derMolekularküche. Er reduzierte ganze Speisekomponenten auf kleine Häppchen – indem sie geliert, emulsiert oder angedickt wurden, bis nur ein Konzentrat übrig blieb. Adriàs Menüs bestanden stets aus mehr als 30 Gängen und hinterließen nicht selten blank liegende Geschmacksnerven. Im vergangenen Jahr erschien der Bildband Delicate, der sich einer Esskultur widmet, die Nahrung endgültig in einen Kunstkontext einspeist. Zu den neuen Esskünstlern gehört beispielsweise Brittany Powell, die Werke berühmter Künstler mit Brot und Belägen nachstellt. Aus einem Toast wird bei Powell ein Mondrian.

Ayako Suwa ist eine junge Köchin, die sich eher auf Ferran Adriàs Spuren bewegt. Im Gegensatz zu dem Spanier sieht sie sich selbst allerdings als Künstlerin. Das Konzept der 36-jährigen Japanerin, die in Tokio Kunst studierte und unter anderem von Luxusfirmen wie Swarowski, Veuve Cliquot und Gucci gebucht wird, nennt sie sensous food, emotional taste. Suwa übersetzt Emotionen in pralinengroße Bissen und lässt diese in einer eindrucksvollen Performance servieren. So auch hier in Berlin. Während anderswo die Kellner das Dargereichte wortgewaltig präsentieren, lassen Suwas in rot und schwarz gekleidete Servierer allein Gestik und Mimik sprechen.

Die 20 Testesser, die aufgrund der mangelhaften Beschilderung erst verspätet in den unterkühlten Dachboden des Direktorenhauses gefunden haben, sind davon reichlich irritiert. Erst beim Genuss von “Überraschung”, einer essbaren Blüte, die auf einem Stück Knusperschokolade thront, die eine kleine Ewigkeit in der Mundhöhle nachprickelt, bricht entspanntes Gelächter aus. Angewiderte Gesichter ruft kurz darauf das Probieren von “Abscheulichkeit” hervor, für Suwa eine zähflüssige, milchkaffeebraune Brühe, die nach rauchigem Speck schmeckt. Besonders für die anwesenden Vegetarier kein Hochgenuss, die aufgrund des Schweigegebots ahnungslos alles schluckten. Diese Esskunst will nicht gefallen, sondern irritieren.

Unterdessen drapiert zwei Stockwerke tiefer – alles ein wenig später als angekündigt – die Berliner Food Artistin Telse Bus zu DJ-Klängen in der Performance “eatthebeatanddancetheflavour” pikantes Popcorn mitErdbeeren. Die deutsche Malerin Vivien Richter, die lange Zeit in der Küche von Tim Raue tätig war, tobt sich auf einem Flügel mit Himbeermarmelade und flüssiger Schokolade aus. Zwischendurch nascht der spielende Pianist von ihren Kreationen, was ihn spontan zu ekstatischen Dur-Klängen anregt. In einer anderen Ecke beklebt die Illustratorin Leticia Credidio einen Tisch mit Lakritzkonfekt. Warum?

Vielleicht nur um zu beweisen, dass der Nachkriegsslogan “Mit Essen spielt man nicht!” in der Wohlstandsgesellschaft seine Autorität verloren hat. Beim Taste Festival werden Nahrungsmittel ihrer eigentlichen Aufgabe enthoben und zum ästhetischen Vergnügen verbraucht. Darf man das? Adorno hätte da seine Einwände. Der deutsche Philosoph beschäftigte sich in seiner “Ästhetischen Theorie” am Rande auch mit der Frage, ob Essen Kunst sein kann. Seine Schlussfolgerung: Essen kann keine Kunst sein, weil es dazu da ist, körperliche Bedürfnisse zu befriedigen. Ayako Suwa und Telse Bus beweisen zumindest, dass die Gestaltung von Nahrungsmitteln ein fantastisches Kunsthandwerk sein kann.

Auf ZEITonline gibt es diesen Text in voller Pracht.

Foto: Julia Stelzner