Die Femme Fatale der Flora

Lotusland

FAZ Magazin; 03/2012: Dafür dass Lotusland, was klingt wie eine neue Duschgel-Variante, ganze 15 Hektar messen soll, ist die Parkanlage gar nicht so leicht zu finden. Wir befinden uns bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen 23 Grad im Osten von Santa Barbara: in Montecito, der 10.000 Einwohner Vorstadt mit der höchsten Millionärsdichte der USA. Zwischen all den schwer einzusehenden Villen diverser Oscar-Preisträger soll irgendwo eine Einfahrt sein. Doch nun steht man im kleinsten Wagen, der in den Hummer Hills gesichtet worden sein mag, mit kritischem Blick aufs Navigationssystem vor den dicken Mauern des Anwesens und findet einfach kein Schlupfloch. Neuer Versuch von der anderen Seite. Und tatsächlich, Lotusland öffne dich: besagte Einfahrt. Nach hundert Metern begrüßt uns die Pförtnerin. Wir erklären beschämt die Verspätung. „Stimmt, der Besuchereingang hat keine eigene Adresse.“, bestätigt sie die Suche. Und fügt hinzu: „Justine, euer guide, wartet schon vor dem Souvenirshop.“ Lotusland darf nämlich nur in Begleitung eines ehrenamtlichen docents erschlossen werden. Kein Problem, reicht der eigene grüne Daumen über das Vervielfachen von Grünlinien nicht hinaus. Und dass etwas in ein Herbarium geklebt wurde, ist lange her. „Nennt mich einfach JJ“, bietet die blonde Mitfünzigerin Justine, die man jünger schätzen würde, kurz darauf gut gelaunt an. Sie führt uns als erstes – eine pathetische, typisch amerkanische Geste – zur wall of honour, wo die Namen der Freunde und Förderer von Lotusland in Stein gemeißelt sind. Eine von ihnen: die US-Fernsehmoderatorin, Oprah Winfrey, eine Nachbarin.

Ob Lotusland wohl auch ohne seine schillernde Besitzerin so viel Resonanz verzeichnen würde? Was hat die polnische Opernsängerin Madame Ganna Walska, die mehr durch Charisma als durch Stimmvolumen überzeugte und ganze sechsmal vor den Altar schritt (was später nur Liz Taylor, eine Diva ähnlichen Ausmaßes, mit acht Ehen toppte), geschaffen, was andere botanische Gärten nicht haben? Lassen wir die Tour beginnen!„Ganna Walska war die dritte Eigentümerin“, erklärt JJ, als wir im japanischen Garten, dem Ausgangspunkt der zwei Stunden Tour, die Koi Karpfen bewundern. „Nach dem Tod des ersten Besitzers Kinton Steven übernahm die Familie Gavit 1916 das Grundstück und lebte dort 25 Jahre, bis Madame Ganna Walska 1941 mit ihrem Ehemann Theos Bernard einzog und nach der Scheidung Lotusland allein dominierte.“ Schon in der zweiten von insgesamt 17 Gartenanlagen wird der von drei Generationen geprägte Patchwork-Charakter von Lotusland deutlich: Eben noch der organisch wirkende Teich, unter Ganna Walska in den sechziger Jahren entstanden. Einige Meter weiter die 14 quadratischen Wasserstufen, ein Geometriespektakel aus der Zeit der Gavits. Ständig wurde der Garten nach den Wünschen der launischen Besitzerin verändert. Wie ein Wohnung, die neu eingerichtet werden musste. Schließlich zog Walska als Schlafstätte das bescheidene Gartenhaus dem großen Haupttrakt vor und verbrachte ihre zweite Lebenshälfte großteils im Grünen. Immer auf ihrer Schulter: ein Paradiesvogel. Etwas darunter, auf der exklusiven Kleidung, ein Verdienstkreuz. Das hatte ihr das Land Polen für ihre großzügigen Spenden zur Tilgung der Kriegsschulden verliehen. Alles in allem wahrlich kein typisches Gärtneroutfit. Aber das war Madame auch nicht: eine Gärtnerin. Sie war vielmehr Komponistin. Ihre Gärtner und Landschaftsarchitekten die Musiker, die dem Werk Leben einhauchten. Immer wieder aufs Neue. Denn Walska unterlag einem Optimierungszwang. Nicht umsonst lautet ihre Biografie „Always Room at the Top“. Nach einer Stunde Führung die erste Verallgemeinerung: Nirgendwo welkt ein Blatt. Die Kakteen stehen so gerade da wie Zinnsoldaten. Und in den Teichen lässt sich die Schlammstruktur des Bodens deutlich erkennen. Das kann doch nicht allein dem guten Klima der amerikanischen Riviera zuzuschreiben sein. Die Lösung hat JJ parat: „Nachhaltiges Gärtnern“. Im Lotusland werden keine Pestizide eingesetzt. Der Chefgärtner verabreicht den Pflanzen nur ökologisch abbaubare Düngmittel.

Damit nicht genug. Als McDonald‘s das Fast Food in die Welt hinaustrug, trat Walska als Pionierin der Ökobewegung auf. Sie machte täglich Yoga, vertrat sich die dünnen Waden im Kneippbecken und trank entschlackenden Ingwertee. Den verfeinerte sie vielleicht mit etwas Honig, Zuckerrohr oder Agavensirup; alles aus Eigenproduktion. Sowie einer Scheibe frischer Zitrone aus dem Obstgarten, durch den wir gerade spazieren. Verschwunden ist dagegen das Gemüsebeet. Davon ernährte sich die strenge Vegetarierin so gut wie autark. Den Ernteüberschuss verteilte sie an Bedürftige. Ganz so ökologisch korrekt ist JJ nicht. Sie gibt nicht ohne Selbstkritik zu: „Ich kann mir nicht vorstellen, auf meinen Hummer zu verzichten.“ Eines haben die beiden Damen dennoch gemeinsam: ihre Vorliebe für Pink. Während JJ ein knielanges, sehr enges (sie kann es sich leisten) pinkes Kleid trägt, setzte Walska in ihrem Garten pinke Akzente: unter anderem mit dem Rosa blühenden Lotus, dem Namensgeber des Parks. Wer jetzt glaubt, jener sei Madames Lieblingspflanze gewesen, irrt. Das war der Kaktus. Keine schöne Pflanze. Aber eine, die Anziehungskraft besitzt, obwohl man weiß, dass das niemals gut endet.

So ähnlich verhielt es sich auch mit Ganna Walska. Dass sie keine einfache Persönlichkeit gewesen war, beweist bereits ein frühes Schwarz-Weiß-Porträt. Es zeigt ihre langen dunklen Haare und tiefbraunen Augen. Bis zum Dekolleté ist sie unbekleidet. Das jedoch Auffälligste ist, wie sich ihre Nase schon damals leicht nach oben bewegte. Sie selbst sagte über sich: „Ich hasse alles Durchschnittliche!“ Nicht zuletzt deswegen kürzte sie unzufriedenstellende Ehen kurzerhand mit der Scheidung ab. Die Verehrer standen ja Schlange. Und so verfiel ihr „der reichste Junggeselle der Welt“, Alexander Cochran, genauso wie der von Geburt an vermögende Ex-Mann von Edith Rockefeller, Harold McCormick, der ihr das Théatre des Champs Elysées in Paris kaufte. Eine Madame braucht stets ihre Bühne. Drum darf ein Amphitheater auch in Lotusland nicht fehlen. Auf den mit weichem Gras bedeckten Sandsteinstufen, neben angsteinflössenden Steingnomen aus dem 16. Jahrhundert, finden bis zu 100 Gäste Platz. Würden wir auch gerne. Nur für einen Moment. Um beispielsweise dem Vogelgezwitscher zu lauschen. Indes fährt JJ in ihren Erzählungen fort – flüssig und gleichzeitig fesselnd. Das liegt übrigens nicht nur an der artenreichen Pflanzenwelt oder den Walska-Anekdoten. JJ hat hart gebüffelt. Als eine von rund 130 docents hat sie 55 Trainings hinter sich, bis sie die erste Besuchergruppe geleiten durfte. Die Durchfallquote: ganze 50 Prozent; doppelt so hoch wie die der deutschen Führerschein-Anwärter. Deshalb weiß JJ natürlich, dass auf dem kurz geschorenen Rasen, wie man ihn sonst nur aus Wimbledon kennt, rauschende Feste stattfanden. Zum Beispiel, wenn Madame Geburtstag hatte. Dann ließ sie nämlich eine riesige Tafel aufstellen, um die herum die Kinder ihrer Mitarbeiter sprangen. Heute trotten an besagter Stelle zwei Pfauen.

Weiter zum nächsten Garten. Nachdem man eine Versailles ähnlichen Allee durchquert hat (ein weiteres Indiz von Eklektik), gelangt man zu einer Sonnenuhr. Um diese stehen Giraffen und Gorillas aus mit Draht in Form gebrachter Hecke. Man gewinnt glatt den Eindruck, Edward mit den Scherenhänden sei hier am Werk gewesen. Neben dem weißen Pool des Aloegartens sicherlich einer der aufgrund ihrer Unnatürlichkeit exaltiertesten Teile von Lotusland. Der Rest wirkt dagegen im Auge des Laien fast schon unscheinbar – im Vergleich zum südasiatischen Dschungel oder der Landesgartenschau. Milles Fleurs trifft vielleicht auf das Rockdekor oder die Kacheln von Ganna Walska zu. Aber definitiv nicht auf Lotusland. Gefällig war Madame niemals. Aber es musste stets das Beste, Größte und Ungewöhnlichste sein; egal zu welchem Preis.Das meiste brachten ihr sowieso Nachbarn oder Bekannte von ihren Reisen mit. Nur einmal griff Walska richtig tief in die Tasche. Beziehungsweise in die Schmuckschatulle. Da war sie 80 und ließ ihre Juwelen im Wert von einer Million Dollar – den vielen Ehemännern sei dank – bei Sotheby‘s versteigern und davon drei seltene Farnpalmen aus Südafrika importieren. Wenn man sie so anschaut, die zwei Meter hohen Wedel, kann man diese Investition freilich nicht nachvollziehen. Doch Walska erfreute sich an ihr, bis 1984, noch 17 Jahre. Mehr wahrscheinlich als an jedem Geschmeide. Denn was anderen die Kinder sind, waren der kinderlosen Madame immer ihre Pflanzen. Ihre Hinterlassenschaft: die Stiftung, das Ganna Walska Lotusland. Erst neun Jahre später durften Fremde ihr Reich betreten. Die prominenten Nachbarn wehrten sich lange gegen die Invasion ihres Rückzugsbereichs.

In Berlin gibt es eine ähnliche Anlage: Die Gärten der Welt. Auch hier werden seit DDR-Zeiten artifizielle Gartenanlagen aus aller Welt auf 21 Hektar vereint. Im Gegensatz zu Lotusland darf auf den Wiesen gepicknickt und gekickt werden. Der Eintritt kostet nur ein Zehntel vom dem im Lotusland. Elitär ist das nicht. Es verhält sich also mit Lotusland tatsächlich so. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine Aneinanderreihung von Flora deluxe – möglich gemacht durch eine Mischung aus Schönheit, Selbstmarketing, Wohlstand und Willensstärke – wird erst durch Ganna Walskas Geschichte vermittelt. Und die war vielmehr die einer pflanzenliebenden Sammlerin, als die einer Opernsängerin.

Ganna Walska – kein durchschnittliches Leben.
1887 als Hanna Puacz in Brest-Litowsk geboren, entschied sich die Halbwaisin aus bescheidenen Verhältnissen früh für eine glamouröse Laufbahn. Sie begann, Musik in Paris zu studieren und legte ihren alten Namen ab: Aus Hanna wurde die russische Variante Ganna, der Nachname geht auf ihre Liebe für Walzer zurück. Mit dem alten Namen gab sie auch ihre erste Ehe mit einem russischen Grafen auf. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zog sie nach New York und wurde von einem französischen Theater engagiert. Dort heiratete sie 1916 den wesentlich älteren Dr. Joseph Fraenkel, der sie wegen einer Kehlkopfverletzung behandelte. Als dieser vier Jahre später starb, nahm sie den Antrag von Alexander Cochran an. Schon nach zwei Jahren löste sie diese Ehe auf. Denn Harold McCormick, Millionenerbe und Ex-Mann von Edith Rockefeller, hatte es schon länger auf sie abgesehen. Die beiden heirateten 1922. Ihre Karriere als Opernsängerin war demgegenüber weniger von Erfolg geprägt. 1931 ließen sich McCormick und Walska scheiden. Walska lebte danach halb in den USA und halb in Frankreich. Sie ehelichte 1937 Harry Grindell Matthews, einen Physiker, was sie nicht aufhielt, 1940, kurz vor der Besetzung Frankreichs durch das Naziregime nach New York zu fliehen. Kurz darauf lernte den Yogi Theos Bernard kennen, mit dem sie 1941 Lotusland (damals Tibetland) bezog und den sie ein Jahr später in Las Vegas heiratete. Ihre sechste und letzte Ehe hielt drei Jahre. Madame Ganna Walska verstarb 1984 mit 97 Jahren.

Lotusland:
Von Februar bis November steht Lotusland Besuchern offen (Eintritt: $35). Dafür muss man sich allerdings anmelden. Und das am Besten schon Wochen zuvor: auf der Website www.lotusland.org, per E-Mail an reservation@lotusland.org oder von Montag bis Freitag, 9 Uhr bis 17 Uhr Ortszeit, unter der Telefonnummer 001-805/9699990.
Achtung: Die Postadresse und die des Besuchereingangs stimmen nicht überein. Letzterer befindet sich in der Cold Springs Road, Ecke Sycamore Canyon Road.
Anreise: Lotusland liegt im Osten von Santa Barbara, in Montecito. Am Besten fliegen Sie, z.B. mit Delta Airlines oder AirBerlin, nach Los Angeles und legen die ca. 150 Kilometer nach Norden mit einem Mietwagen zurück. Dauert ca. zwei Stunden und bietet auf dem Highway 1 einen atemberaubenden Blick über den Pazifik. Mit dem Zug kommt man auch nach Santa Barbara und von da aus mit dem Bus oder Taxi weiter nach Montecito.
Aktuell: Noch bis zum 21. April 2012 werden im Rahmen der Ausstellung „Ganna Walska: Collections and Keepsakes February“ zum ersten Mal persönliche Besitzstücke der Opernsängerin ausgestellt. Darunter Fotografien, Kleidung und Accessoires.

Foto: Frank Reichert