Fleisch aus Schrot und Korn

Fleischsalat, Veggieworld

ZEITonline; 03/2012: Würstchen aus Weizeneiweiß, Lachsfilet auf Sojabasis: Wer vegetarisch essen möchte, muss auf nichts verzichten. Das sagen zumindest die Hersteller fleischfreier Kost. Mit dem Bioboom in den nuller Jahren fing es an: Der Konsument wurde kritisch, hinterfragte nicht länger nur den Preis, sondern auch die Produktionsverhältnisse von Lebensmitteln und, nach Dioxin- und Gammelfleischskandalen, insbesondere die Herkunft von Fleisch. Seither steigt die Zahl derjenigen, für die die Lösung des Problems im Verzicht liegt. Tiere essen von Jonathan Safran Foer und Anständig essen von Karen Duve hießen vor zwei Jahren die Begleitbücher zum neuen Mode-Vegetarismus. In beiden schildern die Autoren, wie sie selbst vom Fleischverzehr abkamen.

Nicht nur der Erfolg der Bücher belegt, dass die Lust auf eine vegetarische Ernährung immer größere Teile der Gesellschaft erfasst. “Wir haben unsere Mitgliederzahlen in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt”, sagt Silke Bott vom Deutschen Vegetarierbund (VEBU). Es gibt vegetarierfreundliche Hotels, fleischfreie Donnerstage in Kantinen und vegetarische Gerichte auf den Tageskarten der meisten Spitzenköche. Das neue Vegetariertum, es ist für alle da – indem es sich manipulativ gibt. Den Beweis dafür liefert VeggieWorld, eine vom Vegetarierbund initiierte Messe mit dem klangvollen Untertitel Für nachhaltiges Genießen. Am vergangenen Wochenende fand sie zum zweiten Mal statt, über 21.000 Messebesucher kamen und fast doppelt so viele Aussteller wie im Premierenjahr 2011. Neben vegetarischen Kochbüchern, tierversuchsfreier Kosmetik und Biokisten-Abonnements präsentierte die Messe vor allem Nachbauten tierischer Lebensmittel: Entenfilet, Chicken Nuggets, Leberkäse.

Am Veganversand-Stand von Alf Waibel beispielsweise greifen die Besucher beherzt nach veganen Krakauern und loben deren “echten Fleischgeschmack”. Die Umsatzzahlen des österreichischen Unternehmens haben in den letzten zwei Jahren stark zugelegt, sagt Waibel. Nachdem sich bereits die pflanzlichen Schnittkäsevarianten gut verkaufen, ist sein neuester Clou ein Streichkäse auf pflanzlicher Basis. In zwei Wochen ist Markteinführung. Auch Alles Vegetarisch, ein Onlineshop aus dem oberpfälzischen Nabburg, hat reichlich Fleisch- und Käse-Imitate im Angebot. Weil der bekehrte Konsument auf nichts verzichten müssen soll, kommen hier sogar Fischliebhaber auf ihre Kosten. Wer früher gerne Thunfisch oder Tintenfischringe gegessen hat, kann es auch weiterhin. Wie die Fleischimitate besteht der falsche Fisch aus einer Mischung aus gepresstem Weizen- und Sojaeiweiß, verschiedenen, häufig nicht näher bezeichneten, Gewürzen und Farbstoff. Schmeckt nicht so wie das Original. Aber Abstriche beim Genuss machen ja die Karmapunkte wieder wett.

Folgt man den Lebensmittelherstellern auf der Messe, verwandelt sich das neue Vegetariertum zudem schon bald in ein neues Veganertum, dessen Moral sich bis in die Kuh- und Hühnerställe ausdehnt. Frischmilch zum Kaffee oder ein Stück holländischer Gouda? Ein Anachronismus in den Augen derjenigen Produzenten, die dafür schon die pflanzliche Variante entwickelt haben. Und davon wird es in Zukunft immer mehr geben. Es wird interessant sein zu sehen, was dann mit den Urgesteinen der vegetarischen Bewegung geschieht. Die Speisekarte der Rohkostvertreter ist noch beinahe die gleiche wie vor 40 Jahren: Früchte, Nüsse, Blätter und Wurzeln werden bei nicht mehr als 42 Grad erhitzt. Bloß lassen sich mit den pikanten Nusspasten und getrockneten Fruchtkugeln eben nur wirklich ambitionierte Veganer begeistern. Der vegetarische Mainstream dagegen verlangt nach zugänglichen Gerichten, die bekannt sind und convenient zubereitet werden können, wie ein Seitangulasch oder eine Bolognesesoße mit Sojahack.

Felix Hnat von GV Nachhaltig erhofft sich von dieser Entwicklung Rückenwind für sein Anliegen. Als einer von über zwanzig Referenten stellte er auf der VeggieWorld sein Projekt vor, das Großküchen wie Kantinen und Mensen zu mehr fleischlosen Gerichten bewegen will. Auch Bernd Drosihn, Gründer von Tofutown, profitiert. Der vegetarische Unternehmer erzählt, wie er 1981 in Köln mit einem Startguthaben von 2.500 Mark heimlich Tofu produzierte, was damals als “Milchimitat” in der Bundesrepublik verboten war. Heute kennen, laut einer Umfrage von Tofutown und dem VEBU, drei Viertel der Deutschen den Begriff Tofu. In Zukunft wird Drosihns Produkt immer weniger mit bleichen Würfeln beim Asiaten assoziiert werden, aber immer häufiger mit bissfesten Würstchen mit Räuchergeschmack. Und die vermeintlichen Pflanzenfresser genießen das beste aus beiden Welten. Zumindest optisch.

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Foto: Julia Stelzner