Crossing over von Wayne Kramer
Die Geschichte der Vereinigten Staaten ist eine Geschichte ihrer Einwanderer. Vor über 300 Jahren setzten Briten, Niederländer und Deutsche erwartungsvoll in hölzernen Schiffen wie das mit dem klangvollen Namen “Mayflower” auf den neuen Kontinent über. Heute dringen Mexikaner durch Lücken im Stacheldrahtzaun in die Sonara-Wüste vor. Immigrationswillige von weiterher, sagen wir mal aus dem zentralasiatischen Raum, reisen mit viel Glück ein (inzwischen bestimmt eine vorherige Anmeldung die Bewilligung dessen) und verlängern dann ihr Visum auf illegalem Wege: sie führen ein Schattendasein, stets begleitet von der Angst abgeschoben zu werden.
Bei dem Roulette um Existenzen in den USA gibt es viele Mitspieler mit Gewinnabsicht: zuerst einmal die Immigranten selbst, zweitens die Administration bestehend aus den Sachbearbeiten, die Green Cards erstellen und Visa verlängern, und zuletzt, als exekutive Unterstützung, die Grenzpolizei. Allesamt Individuen, die – wie soll es anders sein – rein subjektive Interessen verfolgen, in einem System, das wenig Empathie zulässt. Kollaborationen zwischen den Akteuren gibt es zwar das ein oder andere Mal, doch auch sie versprechen wenig Garantie auf Bleiberecht.
Von den rigiden Strukturen, die so viel Erzählenswertes für Dokumentationen hergeben, erzählt Wayne Kramers “Crossing Over” – ein Flechtwerk aus dem aufopfernden Immigrationspolizisten (Harrison Ford) und seinem exiliranischen Kollegen, dessen in den Augen des Vaters und des Bruders zu freizügiger Schwester. Einer Anwältin für Immigrationsfragen (Ashley Judd) und ihrem Mann, einer Führungsposition in der Einwanderungsbehörde, der eine Affäre mit einer australischen Schauspielaspirantin erzwingt (es lockt die Green Card). Die ist aber eigentlich mit einem Musiker zusammen, der sich seiner jüdischen Wurzeln bedient, um zu bleiben. Es geht aber auch um eine koreanische Familie, deren Sohn knapp die Einbürgerung vermasselt und einer muslimischen Schülerin, die wegen ihres Schulreferats über 9/11 mitsamt ihrer Mutter abgeschoben wird (das FBI fürchtet eine Selbstmordattentäterin).
Mit seinem verschachtelten Episodenfilm (ähnlich der Rassismusdebatte in L.A. Crash oder dem Drogenschmuggel in Traffic) deckt Kramer jedmögliche Position ab. Diese Dopplung und Durchdringung der Materie bietet jede Menge, manchmal sicherlich exaltierten Kontext. Das macht den Film so aber auch zu einem beeindruckenden Kaleidoskop an der Einwanderungsproblematik, die so schillernd gar nicht ist.